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Wiebke Brauer

01.06.2017

Der SL, der Commo und die kosmische Ordnung

Man mag sich darüber streiten, was ein Frauenauto ausmacht. Aber dass Wiebke Brauer ihren Mercedes 380SL liebt, ist unstrittig. Egal, was die Männerwelt darüber denkt. Also fast.

„Saß ich mal drin. Winzig.“ Der Mann mit der Baseballkappe grient selbstzufrieden, nimmt einen Schluck aus seiner Cola und deutet mit der Buddel auf einen knitterschwarzen Mercedes 380SL. Meinen knitterschwarzen SL. Mit 3,8-Liter großem Alu-V8, 210 PS, Vierstufenautomatik. Er wiegt 1640 kg und schafft 185 km/h. Zumindest auf dem Papier. Von 0 auf 100 braucht er 9,5 Sekunden, auf 100 Kilometer 17 Liter. Sagt man. Genauso, wie man sagt, dass der Roadster zu winzig sei, um als echter Kerl hineinzupassen. So ist das eben mit den Vorurteilen. Und wenn wir schon dabei sind: Ich bekam den Wagen weder für meine Dienste als Kurtisane geschenkt, noch läuft er auf den Namen eines betuchten Ehegatten. Ich bezahlte die Kiste bar, erneuerte das Verdeck, die Polster und die Felgen. Ich kenne die ihre Tücken und jedes verdammte Geräusch, das sie macht. Das Tickern im Armaturenbrett auf den ersten Kilometern, den leicht stechenden Geruch nach Ammoniak im Innenraum, das tuberkulöse Rotzen, wenn der Motor anspringt. 

Als ich ihn vor acht Jahren kaufte, war die Dame von der Versicherung mit der Einordnung überfordert. „Können Sie mir den Schein faxen? Ich habe hier gar nichts Vergleichbares im Computer“ sagte sie. „Was für eine Marke ist es denn?“ Ein Mercedes, ja, aber was für einer. Ein 4 Meter 63 langer Roadster. Das ist lang für einen Roadster, verdächtig lang. Kenner ahnen es bereits: ja, es ist ein US-Import. Glupschaugen statt Scheinwerfer und Rammböcke anstelle von Stoßstangen. Ein räudiger Roadster aus Florida, der Zustand ist mittelmäßig, die Liebe größer als der Wert. Die Sonne spiegelt sich nicht im schimmernden Lack, sie bricht sich in den Kratzern und in den Zierstreifen, die mit dem Cutter in den Lack gezogen wurden. Die bordeauxroten Türverkleidungen sind labbrig und von einer Farbe, die man am ehesten mit Rotwein-Essig vergleichen könnte. Geldanlagen sehen anders aus. Der 107er radiert schwarze Zahlen auf gefüllten Konten aus und verwandelt sie in rote Mahnmale, er frisst Zeit und zerrt an Nerven, lässt meine Haare vorzeitig ergrauen und verwandelt zarte Lachfältchen in Kummerfurchen. Nein, schöner und jünger macht diese Kiste nicht.

Nur 14 Millionen Autos gehören Frauen

Die Tatsache, dass ich ihn als Frau fahre, stört die kosmische Ordnung auf den ersten Blick. Reden wir also darüber, was ich eigentlich fahren müsste. Streng statistisch gesehen – nichts! Denn in Deutschland ist nur jedes dritte Auto auf eine Frau zugelassen. Wobei sogar das in den Medien wie eine Sensation präsentiert wird: „Laut einer Studie des Auto Club Europa (ACE) gehört von den 43 Millionen Autos in Deutschland jedes dritte einer Frau – macht rund 14 Millionen (33,1 Prozent)!“ Das ist ja geradezu abenteuerlich. Woran man allerdings wieder sieht: Statistiken sind tückisch. Die besagen nämlich auch, dass ich als Frau einen Kleinwagen fahren müsste. Oder einen Kombi mit möglichst niedriger Ladekante, großzügigen Ablageflächen und einem Einpark-Assistent. Das mögen Frauen. Heißt es. Männer hingegen achten eher auf die Marke, Lederpolster, Klima- und Freisprechanlagen, den ganzen Infotainment-Kram. Willkommen in der Klischee-Kiste und der Tücke der Korrelation. 

Zugegebenermaßen ist dieser 380SL kein klassisches Frauenauto. Er ist nicht süß, nicht rosa und nicht rund, er säuft wie einst Hemingway und bläut wie Helmut Schmidt. Alles Niedliche und Verständige ist ihm fern, seine einzige Entschuldigung ist der Stern auf seiner Haube und die Geschichte, die ihn umweht wie Schwaden von Benzindunst. Unglaubliche 18 lange Jahre wurde der Wagen gebaut. Im Jahr 1971 kam das Cabriolet als Nachfolger der wesentlich kürzer produzierten Pagode (werksintern 113) auf den Markt und wurde erst im Jahr 1989 durch den modernen R129 ersetzt. Presse und Publikum bezeichneten ihn ehrerbietig als „Panzer“, wobei man hinzufügen muss, dass es genügend Mercedes-Fans gab, die dem zierlichen Pagoden-SL hinterhertrauerten. Heute gilt er als Klassiker, als Ikone des Designs. Zumindest in der urdeutschen Version. „Drei von zehn Kunden kaufen sich einen SL bewusst als Geldanlage“, sagt Klaus Kienle, Inhaber von Kienle Automobiltechnik. Ich bin der vierte Käufer. Den US-Reimport kennt man als „Hart-aber-herzlich-SL“, aus der Fernsehserie „Dallas“ – und er verbreitet einen gewissen Ruch. Die Stoßstangen sind zu mächtig, um elegant zu sein und werden von Spöttern mit den gedehnten Unterlippen der Mursi verglichen, die weinroten Zierstreifen wirken zwielichtig, der Doppelscheinwerfer froschartig. Um mit Fontane zu sprechen: „Das ist indezent und degoutant zugleich.“ Immerhin: Nie passierte es mir, dass mich jemand mit den Worten „Den hatte ich auch mal“ von der Seite ansabbelte, der Nummer eins unter den Oldtimer-Anmachen. Was bleibt, ist die zweitliebste Floskel: „Der schluckt ganz schön, oder?“ Als Frau seufzt man innerlich, nickt freundlich und schweigt. Ja, er schluckt mehr als ein Mittelklassekombi mit einem Besitzer voller unerfüllter Träume. 12 Liter im Schnitt bei gemäßigter Fahrweise. 14, wenn ich Fußgänger scheuche oder auf der Autobahn das Gaspedal durchdrücke. Aber wer wird mir schon die Wahrheit glauben? Schließlich ist der Gedanke, dass mich die Schleuder in den Ruin treiben wird, viel beruhigender für den bürgerlichen Kleingeist. Und um im Diskurs des Boshaften zu bleiben – besonders gut gefiel mir die Frage eines Mannes, der sich an der Zapfsäule zu mir herüberlehnte und raunte: „Der ist aus den 50ern, oder?“ Klaro. Ganz gewöhnliches Modell der Wirtschaftswunderjahre mit Servolenkung und elektronischer Einspritzung. Männer und Technik.

Bemerkenswert ist die Tatsache, dass immer mehr Frauen ihre Begeisterung zeigen, wenn sie den Wagen sehen. Das lehrt einiges über das eigene Geschlecht und schult die eigene Bescheidenheit. Die Lektion „Unterschätze niemals eine Hausfrau in einem Chevrolet Spark“ lernte ich auf die harte Tour: Wir standen nebeneinander an der Ampel, ein jämmerlicher roter Winzling und mein feuchter schwarzer Traum. Ich blickte leicht überheblich zu ihr herüber, da fing sie an zu strahlen und hob beide Daumen. Effektiver kann man jemandem das Großmaul nicht stopfen. Nur eine Woche später spazierte ein stark onduliertes Frauenzimmer an mir vorbei, als ich den SL abschloss und sagte: „Der ist schön. Den hätte ich auch sehr gern.“ Ein Mann hätte sich lieber die eigene Zunge abgebissen, als so einen Satz über die Lippen zu bringen. Der fragt dann lieber: „Schrauben Sie auch selbst?“, um süffisant zu grinsen, wenn ich verneine.

Das hilft beim Balzen im Straßenverkehr wenig

Ach, die hehre Männlichkeit. Nur ist sie nicht den Männern vorbehalten. Ich muss durchaus zugeben, dass meine Motivationen eher von Testosteron als von Östrogen durchtränkt waren, als ich den Wagen kaufte. Ja, der Wagen soll Pracht und Potenz vermitteln, einen leichten Wahnwitz gepaart mit deutscher Solidität und sich daraus ergebener Solvenz. Das hilft nur beim Balzen im Straßenverkehr wenig. Laut einer Veröffentlichung im „British Journal of Psychology“ stehen zwar Frauen auf Männer mit dicken Autos, der Gegentest bewies allerdings, dass sich Männer einen Dreck für das Fahrzeug interessieren. Sie achten nur auf das Aussehen der Dame. Ob man als Mann auf dieses Ergebnis nun stolz sein kann, steht auf einem anderen Blatt. 

Den Ball flach halten sollte man in jedem Fall. Der Mercedes 380 SL mag zwar als Sportwagen gelten, besonders rasant ist er trotz seiner noch heute beeindruckenden Fahrleistungen nicht. Zwar mag mein persönliches Exemplar auf der Autobahn noch mit Leichtigkeit auf 200 km/h beschleunigen, dessen ungeachtet ist er kein Freund des Radikalen. Der SL gleitet auf Graden dahin wie kaum ein anderer, keine Frage. Aber das tut ein ICE auch. Geben wir es zu: Der R107 ist ein mit Sorgfalt konstruierter Biedermann, nichts wackelt oder labbert aus, scheppert oder klackert billig herum. Lack und Leder mögen bröseln, doch die Tür fällt satt ins Schloss und das überdimensionale Lenkrad liegt fest in der Hand. Und: Mein Mercedes 380SL ist ein seltsames Zwitterwesen. Zu amerikanisch, um ein Klassiker zu sein, und zu klassisch, um echten und dreckigen Rock ’n’ Roll zu versprühen. Er ist nicht Fisch und nicht Fleisch, kein Spießer und kein Revolutionär, nicht klar als männlich oder weiblich zu definieren. 

Eine Sache allerdings gibt mir sehr zu denken. Als ich neulich mit einem Auto-Kumpel zusammensaß, blickte der erst auf sein Bier in seiner Hand, dann zu meinem Wagen, um schließlich trocken zu bemerken: „Weißt Du, Dein SL. Der passt eigentlich gar nicht zu Dir.“ Er machte eine Pause und ich große Augen. Dann setzte er hinzu: „Eigentlich müsstest Du einen Opel Commodore 2.8 GS/E fahren.“ Meine Augen wurden etwas größer. Endlich folgte seine Erklärung. „Tolle luftige zeitlose Karosserie. Innen auch schick. Ordentliches Fahrwerk, ganz geile Reihensechszylinder.“ Er nahm einen Schluck aus seinem Bier. „Gab es auch etwas böser ohne Vinyldach, mit schwarzer Haube und so.“

Seitdem denke ich darüber nach, was mir das zur Hölle sagen soll. Ganz so egal ist es eben doch nicht, was Männer über das Auto einer Frau denken.

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Wiebke Brauer

Das Herz von Wiebke Brauer schlug schon immer für alte Autos und Motorräder, was sie aber nicht daran hindert, auch über Neuwagen zu schreiben – Hauptsache, es bewegt. Durch ihre Heimatstadt Hamburg kurvt sie im Übrigen selten mit dem Auto, dafür steht ihr Custom-Bike mit Gulf-Lackierung im Flur parat. Foto: Patrick Wiederhake