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Jo Clahsen

02.01.2018

Der Bandabläufer

Foto: Dino Eisele

Pagode? Gut, kann man wissen, muss man aber nicht. Wenn jetzt W 113 dazu kommt, sollte es zumindest bei der Generation Ü40 Klick machen. Ein SL von Mercedes, der wegen der Dachform des Hardtops so genannt wurde. Als Cabrio könnte man ihn einfach 280 SL nennen. Aber das wäre zu profan. Eine Begegnung bei offenem Stoffdach und Sonnenschei

Kennen Sie das auch? Man hat einen Garantieschein, eine Quittung, ein wichtiges Dokument. Und sucht einen Platz, wo man es sofort wiederfinden wird. Dann naht der Tag, an dem es zählt. Die Zeit drängt, aber das Objekt der Begierde findet sich ums Verrecken nicht. Im vorliegenden Fall sind es die Autofahrerhandschuhe. Es sind sportive Halbfinger von Roeckl aus München. Feines Leder. Was mir vor Jahren bei Roadster-Treibern gockelhaft vorkommt, jetzt – und zwar JETZT – könnte ich sie brauchen. Finde sie aber nicht.

Ein Neuwagen Baujahr 1971

Jetzt ist ein sonniger Augusttag im Jahr 2017 und der Anlass ist eine feine Tour mit einem W 113 von Mercedes-Benz. Baujahr 1971. OMG würde man heute wohl posten. Ein Oldtimer, dessen spartanisch-schöne Form mich seit meinen ersten Führerscheintagen – ebenfalls 1971 – begeistert. Denn die Pagode folgt auf die legendären 300 SL und 190 SL. Sie will weg vom barocken Prunk, hin zu puristischen Formen, zu viel Nutzraum, zu Kanten und Konturen. Zur maskulinen Form. 

Also auf zum Mercedes-Benz Museum. Zum Museumshügel, wo sich der edle 280 SL ins Freie traut.

Nach 23.884 SL 280 folgt der Bandabläufer

Damals herrscht sonniges Wetter mit leichter Bewölkung, als der Recke in Sandbeige Metallic in Sindelfingen vom Band purzelt. Er ist der letzte seiner Art, ein sogenannter Bandabläufer. Genau 23.884 Exemplare des 280 SL sind hier vor ihm vom Band gelaufen, haben viele Menschen weltweit in einen Taumel vom Ich-habe-es-geschafft versetzt. Weniger, weil sie ein Fahrzeug erwischt haben, als dass sie in Zeiten steigender Wirtschaftskraft genug Erspartes für einen zweisitzigen Benz in Baisisausstattung zusammen haben. Er kostet in etwa so viel wie vier VW Käfer des gleichen Jahrgangs.

Keine 50.000 Stück aller „Pagoden-Modelle“ 230 SL, 250 SL und 280 SL werden zwischen 1963 und 1971 gebaut. Deshalb sind sie heute wertvoll, an erster Stelle die 280er, die die Pagoden-Liebhaber vor allem durch ihre Mehrleistung von 20 PS überzeugen.

Weißwandreifen auf 14 Zoll Felgen

An diesem 21. April 1971 bekommt der 280 SL aber nicht viel von der Sonne zu sehen. Er kommt in einen Container und wird in die USA verschifft, wohin viele Pagoden entschwinden. Danach verflüchtigt sich seine Spur. Erst viele Jahre später entdeckt Mike Kunz, Mitarbeiter des Mercedes-Benz Classic Centers USA die Pretiose in Los Angeles im Bundesstaat Kalifornien wieder. Einer der vielen „Scheunenfunde“, die es auch im 21. Jahrhundert noch gibt. 

Und jetzt steht „Golden Eye“, wie ich ihn taufe, im frühen Morgenlicht auf dem Museumshügel. Er blitzt mit der Sonne um die Wette, ist nicht kapriziös, sondern in einem Zustand wie ein Neuwagen des Baujahres 1971. Vom schweren und etwas barocken Outfit des 300 SL oder 190 SL ist er meilenweit entfernt. Er ist glattflächig, kantig. Männlich. Und auch mit dem diskreten Charme der Chromapplikationen versehen. Dazu die Weißwandreifen mit 185er Lauffläche auf 14-Zoll-Felgen. Das erzeugt Leichtigkeit à la 70er. Und löst bei mir die Ako-Pads-Allergie aus. Denn das war mein samstäglicher Job bei unserem VW Käfer: Weißwand und schmierige Ako Pads.

Das Entern der Pagode ist wesentlich leichter als beim 300 SL, denn der Schweller ist höchstens halb so breit. Innen ist mehr als hinreichend Platz. Nur beim Lenkrad wird es eng. Das Riesenrad schubbert bei Langbeinern gerne mal an den Oberschenkeln, wenn gekurbelt werden muss. 

Aber siehe da: er hat schon Sicherheitsgurte, eine Sonderausstattung, die weiland mit 77 Mark zu Buche schlägt. Die Sitze mit Lederbezug verfügen über die sogenannten Pfeifen. Das sind Wülste, die von oben bis unten die Rückenlehne und von vorne bis hinten die Sitzfläche zieren. Und für beste Luftzirkulation sorgen. Leder kostet aber, wie heute auch, Aufpreis. Vor dem Anschnallen aber mal den Blick schweifen lassen. Was man sieht, überzeugt: wenige Knöpfe und Steller, nur Drehzahlmesser, Tacho und Öldruck-, Tank- sowie Temperaturanzeige, ein Becker Radio namens Europa II, mit Stereo. Heizungsregler, Analoguhr. Und eine Defrost-Taste für die Frontscheibe. Und versteckt hinter dem Riesenrad liegt noch der unscheinbare Fahrlichtschalter. Alles. Halt, da ist noch was versteckt im Handschuhfach. Ein verchromter Hebel von der Größe einer mechanischen Zahnbürste. Er blitzt auf, sobald die verchromte Handschuhfachbeleuchtung ihr Licht in den Schacht wirft. Wozu das Ding? Zum Öffnen des Stoffverdecks. Zwei runde, solide Öffnungen am Rahmen der Windschutzscheibe nehmen den Griff nacheinander auf, kurzer seitlicher Dreh nach links, dann springt der Verdeckrahmen vom Fensterrahmen ab. Und ist für die etwa fünfminütige Prozedur bereit.

Fünf Minuten bis zum Cabrio

Mit einem verchromten Griff an der Flanke der Gepäckbank hinter dem Fahrersitz wird die Verdeckklappe gelöst. Mit einem vernehmlichen metallischen Klacken macht sie den Platz für die Stoff-Gestänge-Melange frei. Hochschieben und dann sehr vorsichtig den Stoff nebst Gestänge in die „Garage“ pfriemeln. Alles sehr analog. Mit Andacht und Demut wird die Cabrio-Tour vorbereitet. Dann rastet der Deckel ein. Und es kann losgehen.

Ein schlichter Schlüssel, so lang wie eine Zigarette, startet den 6-Zylinder mit 170 PS. Läuft erst etwas schwer, sammelt sich aber bald zu einem sonoren Rundlauf. Hand an den Schaltstock, dünn wie Spargel und auch etwa so lang. Mit einer knubbeligen Kugel on top. Vorn erstreckt sich meilenlang die Haube mit einem diskreten Power-Dome und ganz nah am Rahmen der Frontscheibe die Entlüftungsöffnungen für den Motorraum. Da das Getriebe noch sehr neu ist, braucht es Geduld und feinfühlige Finger, um die erste der vier Stufen zu finden. Das verwirrt die eiligen Zeitgenossen, wenn man in einer scharfen Kehre mal, trotz synchronisiertem Getriebe, nicht so flauschig vom dritten in den zweiten wechseln kann. Und dann im ersten wieder anfahren muss. Macht aber nix. Denn Oldtimer sind nun mal so. Keine Hektik, sondern smooth operator. 

Es geht vom Museum hinauf Richtung Fellbach, wo der SL seit 2011 restauriert wurde. Hier ist er bis auf die letzte Schraube zerlegt worden, ein neuer Motor ist ihm transplantiert worden, weil die erste Maschine einen irreparablen Schaden hatte. Deshalb darf auch der Tacho wieder genullt werden. 

Weinbau, Fachwerkhäuser und SL 280

Aber da wollen wir nicht hin. Es geht weiter ins herrliche, rustikale Remstal. Wein, Fachwerkhäuser und schnieke Straßen voller Kurven. Fast ohne Verkehr. Hier spielt der Wind mit den Haaren und kein Airscarf schützt vor Zug. Mit bollerig-bissigem Sound greift der SL in den Teer. Aber den roten Drehzahlbereich, der damals um die 6.500 U/min liegt, strebt kein Mensch mehr mit so einer edlen Pagode an. Leicht über 3.000 dreht er willig, lässt die Pferde springen und swingt mit dem anbrausenden Wind um die Wette. Kein Sportflitzer, sondern sportiver Kurvenräuber und Cruiser, mit dem der Pilot mit jedem Kilometer mehr zu einem Team verwächst. Irgendwann fällt der linke Arm über die hohe Reling. Der Pilot nimmt den SL in den Arm, weil er so gemütlich und bedienlogisch ist. Hier wird der eigentliche Weg zum Ziel aller Begierden, fließt Vorwärtsbewegung zum Gleichklang mit Freude zusammen. Tiefenentspannt im Hier und Jetzt. Nur noch die zwei Weekender in den großzügigen Kofferraum, die Hundedecke auf die Packbank und cruisen, cruisen, cruisen. Bis zum Sonnenuntergang.

Beim Eis in Schorndorf wallen plötzlich alte Gefühle durch den Organismus. Sommer, Sonne, sonorer Motor. Das war 1971, als wir mit einem Käfer Baujahr 1956 in Richtung Korsika unterwegs sind. Und an der Promenade des Anglais in Nizza eine Pagode sehen. In tiefem Blau, das dem Wasser im Mittelmeer Konkurrenz machte. Ausstaffiert mit einem chic gestylten Paar in luftig-leichter Kleidung. Und Kumpel Lupo meint: Die Pagode wär’ jetzt zum Mädels Aufreißen besser geeignet, als unser Käfer mit Schiebedach. Als Antwort ziehe ich den Choke voll raus und stelle mich hinter das Lenkrad. Dabei ragt mein Oberkörper weit aus dem offenen Schiebedach hinaus. Und ich betätige das Lenkrad wie das Steuerrad eines Schiffes. Ein VW-Schiff mit Kapitän auf der Flybridge kann doch zumindest ein bisschen gegen den hochherrschaftlichen Zweisitzer anstinken.

Stunden später rollt Golden Eye wieder auf den Museumshügel des Mercedes-Benz Museums. Knapp 100 Kilometer mit einer solch automobilen Schwerkraft hinterlassen Spuren. Vom konzentrierten Lauschen nach Geräuschen, die auf ein Unwohlsein der Pagode hindeuten könnten, bin ich ermattet. Das etwas angestrengte Lenken hat die Armmuskeln strapaziert. Und der Kopf ist immer noch auf Wolke sieben, während das Haar total zerzaust am selben hängt. Meditation in Mercedes.

Golden Eye und die All Time Stars von Mercedes-Benz

Zurück im Büro lege ich die Schlüssel meines neuzeitlichen Kombis ab, hänge die Jacke an die Garderobe. Mein Blick schweift zur Schublade. Ich ziehe sie auf und finde: die Autohandschuhe. Schade eigentlich. Hätte besser ausgesehen mit. Andererseits muss ich mich bescheiden. Golden Eye wandert jetzt ins Untergeschoß des Museums, wo er sich mit den All Time Stars der Marke auf einem höchst wertvollen Catwalk um Kunden bemüht. Es gibt hier noch ein paar Pagoden, Rennboliden, Limousinen. Aber keinen, der Golden Eye die Show stehlen kann. Wenn ich jetzt in der Handschuh-Schublade mehr als 200.000 Euro finden würde, hätte ich neben der Anzahlung zumindest schon die passenden Handschuhe für mein Traumauto.

www.mecedes-benz.com/alltimestars

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