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Frank Mühling

25.07.2017

Kompakte Kracher

Fast 400 PS im kompakten Auto? Wahnsinn oder? Oder Kalkül? Nachdem Audi jüngst beim RS 3 und TT die 400-PS-Schallmauer durchbrochen hat, hilft ein kurzer Blick zurück, um sich gedanklich zu sortieren. 1975 rollt mit dem Lamborghini Countach ein spektakulärer Supersportwagen ins Rampenlicht, dessen Aura bis heute hell erstrahlt. Leistung: 375 PS aus zwölf Zylindern. 

Nur ein Jahr nach dem Countach zeigt VW mit seinem ersten Golf GTI den Godfather aller kompakten Kracher. Leistung: 110 PS aus vier Zylindern. Aus dieser Wolfsburger Ursuppe kroch über die Jahrzehnte ein ganzes Rudel wilder Kompaktwagen – ob aus Italien, Frankreich, Spanien, Japan, Korea oder sonst woher. Diese stehen sich heute auch als Gebrauchtwagen die Räder eckig, oder sie werden den Händlern aus der Hand gerissen. Je nach Begehrlichkeit.

Kompakte gebrauchte Kracher: Die Vielfalt ist enorm

Fest steht: Vielfalt und Auswahl sind enorm. Einen Hecktriebler mit Sechszylindermotor bietet nur BMW. Der 135i debütierte im Juli 2012, lockt mit 320 beziehungsweise 326 Turbo-PS und startet preislich bei rund 23.000 Euro. Zu teuer? 

Dann gibt es noch den 135i als Coupé oder Cabrio, quasi der Vorgänger. 2008er Modelle liegen im günstigsten Fall bei rund 15.000 Euro. Egal welcher. Der Inline-Six macht höllisch Spaß, klingt wie ein BMW klingen muss, und hängt gerne mal den Hintern raus, wenn der Einser-Treter wacker auf dem rechten Pedal bleibt (und vorher die Stabilitätskontrolle ausgeknipst hat). Die frühen Modelle können Ärger mit den Zündspulen machen, also auf Ruckeln bei der Probefahrt achten. Ja ja, Sechszylinder und Heckantrieb – diese Einzigartigkeit wird BMW beim kommenden Einser bekanntlich aufgeben. 

Starke Hatchbacks: Golf R und A45 Mercedes

Also dürfte es auf Vierzylinder-Turbo und Allrad hinauslaufen, exakt das, was viele potente Hatchbacks schon heute bieten. Etwa VW Golf R oder Mercedes-AMG A 45. Der starke Wolfsburger rangiert in der Hierarchie über dem seligen GTI und bietet als Gebrauchter in der sechsten Generation 270 PS. Frühe, Ende 2009 produzierte Fahrzeuge mit sechsstelligem Kilometerstand können ab 15.000 Euro parat stehen. In jedem Fall spricht das riesige Gebrauchtwagen-Angebot für den Golf. Der Zweiliter-TSI schiebt ordentlich an und klingt sonor. Insgesamt gibt sich der stärkste Golf sehr harmonisch und alltagstauglich – auch wenn er nicht ganz so in der Magengrube kitzelt, wie der BMW. Als Spaßbremse beim Golf R kann sich eine defekte Hochdruck-Einspritzpumpe herausstellen. Autos mit DSG-Getriebe verursachen auch den einen oder anderen Werkstattbesuch. 

Power A-Klasse vors Häuschen: ab 30.000 Euro

Den mussten einige AMG-Owner mit ihrem A 45 ebenfalls antreten: Turbodefekte wurden auf Garantie gerichtet, wegen einer defekten Kupplung des DCT-Getriebes gab es einen Rückruf. Wer sich eine Power A-Klasse vors Häuschen stellen möchte, muss mindestens mit 30.000 Euro kalkulieren, dann finden sich 2013er-Autos mit knapp 100.000 Kilometern auf dem Tacho. Der Coupé-Bruder CLA 45 ist kaum teurer. Egal welcher es sein soll – Fahrspaß bietet der AMG in Hülle und Fülle. Mit 360 PS aus zwei Litern Hubraum ist der 2,0-Liter-Vierzylinder mächtig aufgepumpt. Und er hat ein klassisches Turboloch, das zwar vom Doppelkupplungsgetriebe gut kaschiert wird, aber immer spürbar ist. Ab 2.500 Toren geht megamäßig die Post ab. Dank Allrad kommen alle Pferdchen auf der Straße an und lassen den Baby-Benz in 4,6 Sekunden auf Tempo 100 schießen. Dazu der Sound: Bei jedem Schaltvorgang ein lüsternes Ploppen und Knallen. A 45-Driver nehmen gerne den Umweg durch den Tunnel..... 

Fünf gewinnt: Der RS3 mit Fünfzylinder für Akustik-Nobelpreis

Bei diesem Thema muss sich ein Audi RS 3 kaum verstecken. Seine Geheimnis: Fünf Zylinder, exakt so wie der legendäre Ur-Quattro, mit dem Röhrl, Mouton, Mikkola und Co. über die Rallyepisten hetzten. Die unregelmäßige Zündfolge sorgt immer wieder für Gänsehaut-Schauer, denn was aus den beiden ovalen Ofenrohren am Heck entweicht, verdient den Akustik-Nobelpreis. Und ein 340 PS starker RS 3 klingt nicht nur unverschämt gut, er stanzt auch respektable Fahrleistungen auf die Straße. Der kompakte Bayer mit dem 2,5-Liter-Motor kam 2011, war aber nur gut eineinhalb Jahre im Programm. Audi bot ihn als fünftürigen Sportback an, Allrad und Doppelkupplungsgetriebe waren obligatorisch. Gebrauchtwagenkäufer sollten auf abgefahrene Vorderreifen achten. Anfänglichen Problemen mit der Bremsanlage begegnete Audi mit einem kostenlosen Austausch. Schon unter 25.000 Euro finden sich RS 3 aus zweiter und dritter Hand.

Fünf als Pflicht: Ford Focus ST oder RS

Zu teuer? Aber fünf Zylinder sind Pflicht? Dann kann die Lösung Ford Focus heißen. Die zahmere Variante nennt sich Focus ST und wird ebenfalls von einem 2,5 Liter großen Turbo-Fünfender befeuert. 226 PS sind jetzt nicht die Welt, doch der markante Klang des von Volvo zugelieferten Motors macht PS-Fans süchtig. Und: Schon für 5.000 Euro kann man mit ihm glücklich werden. Aber natürlich haben Autos mit deutlich mehr als 150.000 Kilometern auf der Uhr und einem Alter von elf Jahren und mehr einen zweifelhaften Ruf, was die Zuverlässigkeit angeht. Zumal, wenn jugendliche Vorbesitzer mehr Geld ins Tuning als in die Wartung investierten. Bekannte Ford-Probleme sind die Radlager und das ABS. Eine Generation jünger als der ST ist der Focus RS – ebenfalls mit Fünfzylinder-Turbo unter der Haube, aber dafür mit 305 PS. Der Kraft-Ford kam 2008 auf den Markt und wurde 11.000-mal produziert. 2010 schob Ford den limitierten RS 500 mit 350 PS nach. Achtung: Alle Focus RS haben Frontantrieb, daher sind natürlich die Vorderreifen stark verschleißgefährdet. Auch wenn dem Focus dank Differenzialsperre und ausgeklügelter Vorderachs-Kinematik Traktion kein Fremdwort ist. Weitere Problemzonen: Kupplung, Kühlwasserverlust und laute Servopumpen. Unter 20.000 Euro findet man keine Focus RS, das Sondermodell RS 500 kostet das Doppelte. Wenn man überhaupt eines findet.

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Frank Mühling

Frank hat schon alles gemacht, was mit Auto zu tun hat. Er kann TV, Autor und Freelance. Frank liebt die „Kracher“, steigt aber auch gerne mal in einen Kompakten. Zudem hat er ein Händchen für Gebrauchte. Und Young- sowie Oldtimer. Er fährt, trotz mehr als 190 Zentimeter Länge, auch gerne mit seiner alten Honda Dax.