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Frank Mühling

02.07.2017

German Sports

Hand aufs Herz: Wer macht es nicht? Auf mobile.de oder ähnlichen Sites die Angebote durchstöbern und die virtuellen Parkplätze vollstellen. Nach dem Motto: “Mensch, so einen wollte ich schon immer mal haben.” oder “Den hätte man sich damals kaufen sollen.” Ohne Disziplin ist schnell ein ganzer Nachmittag verdaddelt ...

Etwa wenn man nach BMW M3 und Porsche 911 Jagd macht, d i e beiden Sportwagen schlechthin. Neu teuer, gebraucht günstig. Heute vormittag nennt mobile.de 895 BMW M3. Davon müssen wir aber um die 30 Autos abzuziehen, die nur mit M3-Felgen ausgerüstet sind, sonst aber mit einem alterschwachen Vierzylinder-Diesel herumhüsteln. 

997 für viel der schönste Elfer

Bei Porsche 911 spuckt die Suchmaschine die zehnfache Menge aus. Okay, das ist unfair, weil das die Urform aus den Sechzigern ebenso einschließt, wie alle Neu- und Vorführwagen. Wir filtern: Baujahr 2005 bis 2012, dann bleiben rund 2500 Exemplare vom extrem leckeren Modell 997 übrig – für viele der schönste Elfer seit dem legendären F-Modell. Parallel den Filter beim M3 gesetzt: Baujahr 2007 bis 2013, dann bleiben nur die Geräte mit dem Vierliter-V8 übrig. Jetzt findet die Plattform statt knapp 900 nur noch etwas über 300 M3. Aha. M3 mit V8? Genau, diese 420-PS-Waffe kostete beim Debüt 2007 als Coupé E92 66.650 Euro. Heute bekommt man die günstigsten Autos schon für unter 20.000 Euro – dann jedoch als Rechtslenker, mit über 200.000 Kilometern oder weit weg in Rumänien oder Litauen. Wenn man Pech hat, sogar alles gleichzeitig, statt entweder oder. Aber in good old Germany warten auch ein paar M3 auf neuen Besitzer, bei leicht über 20.000 Euro geht’s los.

Wer einen adäquaten M3-Killer aus Zuffenhausen haben will, muss den 997 mit 385 PS-Motor nehmen. Also kommt nur ein Carrera S ab Sommer 2008 in Frage: Quanta costa? Unter 45.000 Euro sieht es mau aus. Die Trefferquote: Knapp 350 Autos, also ähnlich viele wie beim M3.

3999 ccm hat das Kraftpaket aus München

Mit dem starten wir: Ein BMW Händler im hessischen winkt schon mit dem Schlüssel für ein schwarzes Coupé von 2013, das 35.999 Euro kosten soll. Ein Druck auf den Startknopf und – der Achtzylinder-Saugmotor mit 85.000 Kilometern wummert los. S65B40 heißt das 3999 ccm3 große Kraftpaket aus München, das jetzt ausgiebig warmgefahren werden will, bevor man ihm die Sporen gibt. Wer ihn schon im kalten Zustand quält, riskiert einen Schaden an den Pleuellagern. Diesen Aspekt liest man auch in vielen Gebrauchtwageninseraten („...bei 78 000 Kilometern kamen die Pleuellager neu...“). Ab und an verliert das DKG-Getriebe etwas Öl, also besser auf die Hebebeühne. Dafür scheint der Motor mit dem Kürzel S65 keinen Ärger mit dem Vanos zu machen, eine typische BMW-Krankheit. 

Jetzt aber: Motoröl 90 Grad, Vollgas! Der eben noch muffelig-gelangweilte Tonfall wechselt blitzschnell zu einem metallischen Dröhnen. Im Cockpit hört man, wie unter der buckligen Motorhaube Kubikmeterweise Ansaugluft mit Super plus zu zündfähigem Gemisch verwandelt wird. Und dann erst der Sound aus den vier runden Endrohren. Junge, wie das Ding dreht! Erst bei 8300 Umdrehungen pro Minute haut das Doppelkupplungsgetriebe den nächsten Gang rein. Und sonst? 

Beim M3 gibt es nix zu meckern

Der M3 ist eben auch ein Dreier BMW, mit all seinen Vorteilen. Alltagstauglich, weil Platz auf vier Sitzen, ein großer Kofferraum, da gibt’s nix zu meckern. Höchstens wenn man direkt in einen Porsche 997 umsteigt. Die Sitzposition: Eine Etage tiefer, weniger Platz, dafür 100 Prozent mehr Sportwagenfeeling. Schon beim Ausparken spürt man: Das ist keine Großserien-Lenkung, das ist Rennsport. Direkt, mit mehr Rückmeldung und weniger in Watte gepackt. Der silberne Carerra S von 2011, den ein freier Porsche-Händler aus Oberbayern verticken will, ist mit 66.900 Euro ausgeschrieben. Knapp 90.000 Kilometer, zweite Hand. Leder, Navi und Doppelkupplung sind wie wie beim M3 an Bord. Der Verkäufer betont, dass Autos wie dieses recht schnell einen neuen Besitzer finden. Stichwort: hohe Nachfrage. Also schnell den Elfer fliegen lassen, bevor ein Kunde auf der Matte steht. Der Motor ist schon warm, Kickdown! Wie es nur ein Sechszylinder-Boxer kann, fräst sich der 3,8-Liter große Saugmotor in die Gehörgänge. Sägen, röhren, brüllen – der Porsche-Motor brennt von 2000 bis 7500 Toren ein wahres akustisches Feuerwerk ab. Und dann die Traktion! Der Boxer drückt satt auf die Hinterachse, anders als beim BMW M3 dreht kein Rad durch. 

Auf Überhitzung reagiert der 997 Motor allergisch

Bei aller Begeisterung: Porsche Fans sollten wissen, dass der 997-Motor auf Überhitzung allergisch reagieren kann. Wenn die vorderen Kühler mit Dreck zugesetzt sind, kann sich die Beschichtung der Alukolben lösen und ein Kolbenkipper den Motor zerstören. Die Triebwerke vor Baujahr 2006 bekommen öfters ein Problem mit dem Lager der Zwischenwelle, was meist auch sehr teuer wird. Auch beim Fahrwerk droht Ärger: Autos mit adaptivem Fahrwerk, genannt PASM, zeigen gerne mal rostige Federbeine an der Vorderachse. Da versteht der TÜV keinen Spaß. 

Zu viel Risiko und doch lieber einen neuen Wasweißdennich aus Großserie finanzieren? Also bitte! Das Leben ist doch viel zu kurz für langweilige Autos...

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Frank Mühling

Frank hat schon alles gemacht, was mit Auto zu tun hat. Er kann TV, Autor und Freelance. Frank liebt die „Kracher“, steigt aber auch gerne mal in einen Kompakten. Zudem hat er ein Händchen für Gebrauchte. Und Young- sowie Oldtimer. Er fährt, trotz mehr als 190 Zentimeter Länge, auch gerne mit seiner alten Honda Dax.