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Frank Mühling

20.06.2017

Vollfettstufe – US-Boyzzz für echte Car-Guyzzz

Chevrolet Camaro Convertible

Sie haben wenig Geld, wollen aber eine richtig dicke Karre fahren? Da gibt es einige Möglichkeiten: Audi, BMW oder Mercedes – etwa als A6, E-Klasse oder Fünfer mit großen Motoren. Sicher, kann man machen, machen aber viele andere auch. Von daher: Langweilig. Wie wäre es dagegen mit ein paar fetten US-Boys?

Chevrolet, Dodge und Ford locken mit günstigen Preisen. Frühe Mustang von 2005 gibt es schon für unter 10.000 Euro. Die ersten Challenger von 2008 kosten um die 15.000 Euro, Camaro ab Baujahr 2010 rangieren auf ähnlichem Level. Aber für diese Sümmchen findet man leider nur die schwachbrüstigen V6-Modelle, die zwischen 205 und 309 PS leisten. Das wäre in etwa so, als würde mich sich auf ein fettes T-Bone Steak freuen und nur einen Veggie-Burger auf den Teller vorfinden. Wer lieber in die Vollen greift, muss natürlich V8 fahren. Vollfettstufe. Zum Muscle-Car wird ein Pony-Car erst mit Eight Cylinders. Die günstigsten Mustang V8 starten bei 12.000 Euro, auch wenn der 4,6-Liter mit 305 PS nicht gerade üppig Schmalz an die hintere Starrachse schickt. 

Die Auswahl bei der US-Vollfett-Stufe ist riesig

Wer sich ans Tablet hängt, stellt dafür fest: Die Auswahl ist üppig, obwohl der Ford bis 2014 nie offiziell, sondern immer nur über freie Importeure nach Europa kam. Wir finden ein seltenes Sondermodell mit 400 PS, auf zur Probefahrt. Der V8 mit 302 Cubic Inches (5,0 Liter Hubraum) ist noch ein Dreiventiler und basiert auf dem 4,6-Liter. 2011 löste ihn der Vierventiler mit ebenfalls 5,0 Litern Hubraum ab. Genug Theorie, jetzt darf das Pferdchen seine Muskeln spielen lassen. Kernig röhrt der V8 los, und dreht wie ein Europa-V8 über die 6.500 Umdrehungen hinaus. Kupplung und Fünfgang-Schaltung verlangen Kraft. Das passt zum US-Car, es will vom Reiter hinter dem Lenkrad gezähmt werden. Trotz Starrachse benimmt sich der Mustang aber nicht wie ein bockiges Wildpferd. Dem sogenannten Wattgestänge sei Dank. Watt is los? Diese Extra-Stange stützt die Hinterachse seitlich ab, und verhindert Auskeilen bei zu viel Übermut in engen Kehren. Ein paar Kilometer später und einige Schlaglöcher weiter: Respekt, das Coupé verhält sich recht manierlich. Ärger im Alltag? Mustang-Fans sollten die Vorderachse genau ansehen. Schwach dimensionierte Traggelenke und Spurstangenköpfe machen häufig Geräusche. Abhilfe schaffen hier robuste Nachrüstteile. Bei den laufenden Kosten punktet das Wildpferd mit akzeptabeln Inspektionstarifen. Die wichtigsten Ersatz- und Verschleißteile gibt’s zu moderaten Summen und sie sind leicht und überall zu finden. Eine lebendige Werkstatt- und Teileszene hilft Mustang-Eignern mit dem nötigen Fachwissen weiter.

Camaro Automatik hat “nur” 405 PS

Fords Gegner, egal ob gestern oder heute, heißt Chevrolet Camaro. Bei der von 2011 bis 2015 gebauten fünften Modellreihe gab es ebenfalls Coupé und Cabrio. Wir haben Sommer, also nix wie rein in das viersitzige Cabriolet. Zehn Minuten später jagt der Chevy mit aufgewärmtem Motoröl über menschenleere Landstraßen. Spontan fühlt sich der Camaro größer an als der Mustang. Aber der 4,84 Meter lange Lulatsch wirkt dank direkter Lenkung und Einzelradaufhängung recht agil. Der dicke, 432 PS starke 6,2-Liter-V8 schiebt mit Macht an, egal wo der Drehzahlmesser gerade steht. Auch wenn er dem ähnlich großen AMG-Achtzylinder nicht das Wasser reichen kann, ab 4.000 Umdrehungen entfacht der LS3-Zweiventiler ein zweites Feuer – was man auch gut hören kann. Knackig zeigt sich die Handschaltung, kurze Wege gibt’s dazu – alles gut. Mit Automatikgetriebe hat der Camaro übrigens „nur“ 405 PS. Wer sich einen Camaro vor das Reihenhäuschen stellen will, sollte wissen: Die Europamodelle gab es ab 2011 offiziell, sie sind an größeren Spiegeln mit integrierten Blinkern und mitgelieferten COC-Papieren zu erkennen. Alles andere sind importierte US-Modelle. Deren Nachteile liegen auf der Hand. Kühlsystem und Bremsanlage sind schwächer dimensioniert, diese Karren eigenen sich als nur für Cruiser. Dafür locken sie mit günstigeren Kaufpreisen. Generell gilt der Camaro als robust. Die Ausgaben für die laufenden Kosten liegen um rund 15 Prozent über denen des Ford Mustang. Die Ersatzteilversorgung ist vollkommen ohne Probleme.

Die echte Challenge: Dodge Challenger

Kandidat Nummer drei ist, wie der Mustang auch, ein Importauto und hört auf den Namen Dodge Challenger: Nein, nicht der von Filmheld Kowalski aus “Fluchtpunkt San Francisco” von 1971. Wir picken uns einen SRT8 Baujahr 2010 heraus, der dem Urmodell ähnelt wie aus dem Gesicht geschnitten. 431 PS aus 6,1 Liter Hubraum, damit ist der grimmig dreinblickende “Herausforderer” ähnlich potent wie der Camaro. Darunter rangiert der R/T mit 5,7-Liter und 380 PS. Wer das große Lederlenkrad anpackt, denkt sofort, der Fließband-Worker bei Chrysler habe es irrtümlich mit dem eines Dodge Ram Pickup verwechselt. Zündung, Anlasser, Wählhebel auf D, los jetzt: Tief grummelnd schnürt das US-Coupé – eine offene Variante war nie im Sortiment – über kurvenreiche Landstraßen. Kilometer für Kilometer scheint der über 5,0 Meter lange Challenger kleiner zu werden. Seine Handlichkeit überrascht, doch das Gewicht von fast zwei Tonnen kann er nicht verbergen. Die 20-Zöller sehen unverschämt gut aus, und sie rollen sogar passabel ab. Jetzt aber “pedal to the metal”! Wer dem Hemi-V8 die Peitsche gibt, erntet pures Heavy Metal. Der V8-Beat macht sich in den Gehörgänge breit und der Kopf schnellt nach hinten. Im Serientrimm ist der Big Block nicht so kernig, unser Test-Car aber hat eine Spezial-Auspuffanlage verbaut. Grins! Staunen bei der Kraftübertragung: Die Fünfgangautomatik stammt von Mercedes, schaltet aber schneller und härter, als sie das in einem E-Klasse je durfte. Stichwort DaimlerChrysler: Der Challenger ist noch ein Kind aus der unglücklichen Ehe Stuttgart-Auburn Hills und steht auf einer verkürzten Plattform des Mercedes W 210. So wie auch der Chrysler 300C. Und genau die alte Benz-Automatik kann Ärger machen. Experten berichten, dass sie bei rind 150.000 Kilometern streiken kann. Erst im Modelljahr 2012 löste sie eine ZF-Achtgangautomatik mit Lenkrad-Paddles ab. Schade: Challenger mit Sechsgang-Schaltgetriebe sind sehr selten. Generell gilt aber für alle drei Muscle-Cars mit Automatikgetriebe: Wer häufig Burn-outs zelebriert, strapaziert Wandler und Hinterräder heftig. Außer man installiert ein sogenanntes Proportion Valve: Damit schickt man die Bremskraft zu 100 Prozent zur Vorderachse. Und die Walzen an der Hinterachse können locker-flockig Qualm produzieren. 

Drei US-Boys mit V8-Heart und Charakter: Wer traut sich? 

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Frank Mühling

Frank hat schon alles gemacht, was mit Auto zu tun hat. Er kann TV, Autor und Freelance. Frank liebt die „Kracher“, steigt aber auch gerne mal in einen Kompakten. Zudem hat er ein Händchen für Gebrauchte. Und Young- sowie Oldtimer. Er fährt, trotz mehr als 190 Zentimeter Länge, auch gerne mit seiner alten Honda Dax.