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Jo Clahsen

08.08.2017

„Die Zukunft der Mobilität ist elektrisch.“

Zu Gast bei GuestStation ist Alexander Kotouc von der BMW i. Mit der BMW i haben die Münchner eine eigene Firma zur Elektromobilität geschaffen. Mehr noch: Mit BMW Energy Service und BMW Digital Charging Service versucht die Firma, e-mobility zum Rundum-Service beim Laden und Fahren aufzubauen. GuessStation sprach mit Alexander Kotouc. 

 

Dr. Alexander Kotouc (38) verantwortet das Produktmanagement der Marke BMW i bei der BMW Group. BMW i ist ein umfassendes Konzept für nachhaltige und zukunftsweisende Mobilität. Es steht für visionäre Elektrofahrzeuge und Mobilitätsdienstleistungen, inspirierendes Design und ein neues Verständnis von Premium, das sich stark über Nachhaltigkeit definiert. 

Dr. Kotouc ist Absolvent der Ludwig-Maximilians-Universität München. An der Universität St. Gallen und der New York University promoviert er zum Dr. rer. oec.. Berufliche Erfahrung sammelt Kotouc in den verschiedensten Branchen, darunter in Beratung, Groß- und Einzelhandel, in der Telekommunikation sowie im Bankensektor. Seit 2007 bei der BMW Group tätig war Kotouc zuvor Leiter der BMW Group internen Markenakademie, Projektleiter Strategieentwicklung große Baureihe, Projektleiter BMW Marketingplanung sowie Projektleiter Produkt- und Markenportfolio-Management. 

Spinnen jetzt alle? Diesel aus? Benziner gefährdet! Gas ganz groß. Und E-Mobilität jeden Tag mit einer anderen Sau durchs Dorf getrieben. Was macht BMW?

Alexander Kotouc: Bei BMW gibt es keine wechselnden Säue. Wir setzen unverändert auf dasselbe Pferd, und in unserem Falle ist es ein elektrifiziertes:  Früher Marktstart in 2013. Heute schon Weltmarktführer bei elektrifizierten Antrieben. Wir haben mit eMobilität dort angefangen, wo es am meisten Sinn macht: Im urbanen Umfeld. Deshalb der BMW i3. Inzwischen elektrifizieren wir auch die Kernmodell-Baureihen, zunächst als Plug-In-Hybride. Weitere Schritte sind der elektrische MINI, der elektrische X3 und der elektrische iNext. Und weitere Elektroautos kommen, sobald sie aus Nachhaltigkeits- und Profitabilitätsgründen Sinn machen. 

Die Politik tanzt Chacha ohne erkennbare Linie, einige Hersteller nennen ein konkretes Datum für das Aus des Verbrenners in ihrer Produktion. Ideologische Wegelagerei?  Oder kalulierter Schock?

Chacha? Wir bleiben auf Linie: Die Zukunft der Mobilität ist elektrisch. Daran besteht für uns kein Zweifel. Wir haben das schon 2007 erkannt und früh auf den Weg gebracht. 

Mit i3 und i8 – i3 sogar mit Range Extender – hat BMW ordentlich vorgelegt. iNext soll kommen. Lösen sich damit alle Probleme?

Die Autos sind das eine. Aber Elektromobilität wird erst ein Erfolg werden, wenn auch das Laden im öffentlichen Raum flutscht und die Frage, wo der Strom herkommt, nachhaltig beantwortet sind. Das verlangt weitere große Anstrengungen von den Herstellern, Politik und Energieversorgern. So wie wir das Verbrenner-Auto seit 100 Jahren optimieren, wird es auch beim Elektroauto stattfinden. 

Als der i3 2015 in Amsterdam vorgestellt wurde, konnte man da quasi an jeder Straßenecke laden. In Deutschland sieht es 2017 eher bescheiden aus. Ist die Infrastruktur essentiell für E-Mobiliät?

Ja!  Genauso wichtig wie das Elektroauto selbst. Elektromobilität soll ja auch für alle die funktionieren, die nicht über eine eigenen Ladepunkt daheim oder bei der Arbeit verfügen.

Der i3 wurde nachgerüstet und hat jetzt mehr Reichweite. Ist die sogenannte Range Anxiety (die Angst mit leerem Akku liegen zu bleiben) wirklich das Killerargument gegen e-mobility?

Die durchschnittliche tägliche Fahrstrecke der BMW i3 Kunden weltweit liegt bei ziemlich genau 50 Kilometer und bestätigt unsere Voraussage. Der Trick ist, man muss die Menschen das selbst über ein paar Tage erleben lassen, sonst glauben sie es nicht. Das Elektroauto könnte also heute schon für viel mehr Menschen eine Alternative sein… 

Der i8 ist mit einem sechsstelligen Preis nicht unbedingt massentauglich. Wie steht es um den Hybrid-Sportwagen? Und was bringt BMW als Massenmobil mit Akku in naher Zukunft?

Der BMW i8 ist der mit Abstand erfolgreichste Hybrid-Sportwagen am Markt.  Und wir werden elektrische Fahrzeuge auch für größere Reichweiten anbieten, sobald sie aus Nachhaltigkeits- und Profitabilitätsgründen Sinn machen. Wir werden dabei jedoch dem  Premiumsegment treu bleiben. 

Plug-in Hybride sollen auch zur Entgiftung der Atmosphäre beitragen. Passt das zur BMW Philosophie von der Freude am Fahren?

Sie sollen nicht nur beitragen, sondern tun es bereits heute. Die Hauptmotivation hinter elektrifizierten Antrieben ist ja gerade CO2-Reduzierung. Und ja, wir können beides. Unsere Hybride und Elektroautos sind bereits heute jeweils deutlich besser in der CO2 Bilanz als konventionelle Fahrzeuge. Das lassen wir uns auch jeweils von unabhängiger Quelle zertifizieren. Und dass sie die BMW-typische Freude am Fahren bieten, ist bei Kunden und Fachpresse ja unstrittig. 

BMW hat sich die Begriffe i1 bis i9 schützen lassen. Heißt das, eine E-Flotte solchen Kalibers könnte eines Tages die Straßen stromern?

Ich wüsste nicht, was dagegen spricht. 

Wie steht es bei BMW um Erdgas (auch BioCNG), um Wasserstoff u.ä. Alternativen?

Wir arbeiten auch an der Brennstoffzelle; ab Anfang des nächsten Jahrzehnts werden wir erste Fahrzeuge auf der Straße sehen. CNG und PLG hatten wir bereits in den 80ern im Programm gehabt, aber leider hat sich die Technologie beim Kunden – bei BMW und auch andernorts - nicht durchgesetzt.

Gibt es einen holistischen Ansatz, der auch Wohnhäuser als Stromspeicher und Stromgenerator mit einbezieht?

Ja. Wir haben dazu sogar einen eigenen Geschäftsbereich gegründet: Mit BMW Energy Services verbinden wir Elektromobilität und Energiewende. So kann elektrisches Fahren wirklich CO2 frei werden, nicht nur lokal. 

Welche Rolle sollte Solarenergie im Rahmen der e-mobility spielen. Sind Kollektoren auf Haus- und Garagendächer demnächst Pflicht?

Wir bieten bereits heute die Integration von privat erzeugtem Photovoltaik-Strom fürs Laden daheim an. Stichwort BMW Digital Charging Service. Und mit BMW Energy Servcies arbeiten wir daran, die Energiewende mit der Elektromobilität intelligent zu verknüpfen. 

Bei Carbonfertigung hat BMW einen ordentlichen Vorsprung gegenüber der Konkurrenz. Hilft der Werkstoff auch, um leichtere Fahrzeuge zu bauen. Bis dato liegt die Gewichtsersparnis ja im überschaubaren Rahmen.

Carbon war und ist bei uns kein Selbstzweck. Wir setzen diesen Hochleistungswerkstoff da ein, wo es darum geht, zum Beispiel das Gewicht einer schweren Elektroautobatterie gegenüber einem konventionellen Fahrzeug zu kompensieren. Der BMW i3 ist durch den Einsatz von Carbon mit 1.200 Kilo das mit Abstand leichteste Fahrzeug seiner Klasse. Er kommt dadurch  sogar mit einer kleineren Batterie für die gleiche Reichweite aus. Und deshalb ist er auch das dynamischste Auto im Wettbewerbsumfeld.

Oder müssen Nutzer demnächst wieder auf Luxus verzichten (Fensterheber, Klima, diverse Stellmotoren etc), um ein wirkliches Leichtgewicht zu fahren?

Nein. Denn auch ein BMW i ist und bleibt im Herzen ein BMW.

Springen wir mal virtuell ins Jahr 2020. Wo wird BMW bzw. die i GmbH dann voraussichtlich stehen?

BMW i Technologie wird bis dahin praktisch jede Modellreihe elektrifiziert haben. Schon 2025 werden 15-25 Prozent des Gesamtabsatzes von BMW und MINI einen Elektromotor haben. Und heute bereits sind wir bei den elektrifizierten Antrieben Weltmarkführer.

Hat BMW alles richtig gemacht? Gab es Irrwege? Wenn ja, welcher war der schlimmste?

Im Nachhinein ist man immer schlauer.  Wir – und alle anderen Hersteller auch - hatten ehrlich nicht am Radar, dass Benzin noch mal so billig werden würde wie jüngst. Und möglicherweise hätten wir all die Innovationen, die wir auf einen Schlag 2013 mit dem BMW i3 zur Welt brachten, über etwas längere Zeit verteilen können. Da war so viel Neues, dass Dinge wie „nachwachsende Materialien fürs Interieur“, „intermodale Navigation“ und „intelligentes Laden“erst jetzt, über 3 Jahre nach Markteinführung, langsam Aufmerksamkeit gewinnen. 

Frau Merkel hat unlängst kein schönes Bild von der Automobilherstellung entwickelt. Teilen sie das?

Wir teilen Frau Merkels Einschätzung, dass die Automobilindustrie sich innerhalb der nächsten paar Jahre mehr verändern wird, als über die letzten Jahrzehnte. Bei BMW sind wir gut aufgestellt, denn wir sind bereits erfolgreich mit für Kunden real erleb- und erfahrbarer Elektromobilität im Markt während andere noch beim Ankündigen sind.

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Jo Clahsen

„Jo“ lebt seit Jahrzehnten das Thema Auto. Dabei hat er nie die Fähigkeit zur Begeisterung verloren. Hauptsache, es geht voran. Auf der Rennstrecke, der kurvigen Landstraße, am Pass, auf der Autobahn. Am liebsten natürlich mit vielen Zylindern. Und entsprechendem Klang. Aber elektrisch findet er auch cool.