header_guest.jpg

Jo Clahsen

29.07.2017

Unter Strom. Aber nur mit Plan.

Unser zweiter Gast ist eine Frau. Eine bezaubernde Kollegin, die sich hinter jedes Steuer setzt. Ohne Angst. Und so kam es, dass sich Solveig Grewe ohne Furcht hinter das Lenkrad eines VW e-up! setzte, um vom heimischen Soest gen Niederlande zu stromern. Tulpen anschauen, der Klassiker im Frühjahr.  

Wird schon irgendwie klappen, denkt Grewe. Gibt ja genug Stromtankstellen. Die ehemalige Volljuristin hat schließlich wegen ihrer Leidenschaft für Autos, Motoren und Reisen die Juristerei an den Nagel gehängt. Und es mit Autotests, Reiseberichten und ausgezeichneter Fotografie weit gebracht. Sie ist zum Beispiel Jurymitglied des Women’s World Car of the Year (www.womensworldcoty.com). Mit dem Selbstversuch im Frühjahr will sie herausfinden, was es mit der Elektromobilität in Deutschland auf sich hat. Solveig Grewe hat uns ihre Perspektive auf Laden, Bezahlen, Range Anxiety (die Angst mit leerem Akku liegen zu bleiben) und den Super-GAU der e-Mobility geschildert. Hier ist ihr Bericht.

Ein Abstecher zur Tulpenblüte nach Holland. Warum nicht? Aber mit einem Elektroauto? Genauer gesagt mit einem VW e-up!. Das Ausrufezeichen gehört zum Namen des kleinsten Stromers aus Wolfsburg hinzu und betont nicht etwa meinen Durchsetzungswillen für diese Reise. 

Die Reise als solche wird schon im Vorfeld von Kollegen und Bekannten, selbst in der Familie als hirnrissig eingestuft. Wie soll ein vom Hersteller als Stadtauto konzipiertes Feigenblatt für elektromobilen Fortschritt es jemals weiter als bis zur nächsten Stadt oder gar über eine Staatsgrenze schaffen. 

Der Kleine kommt. Huckepack auf einem Hänger

Der Kleine kommt an einem Dienstagmorgen auf einem Hänger, gezogen von einem Muskeln zeigenden VW Touareg. Den lautlos von der Ampel rollenden kleinen Bruder scheint der Touareg nicht mal eines Blickes zu würdigen. Ein kurzer Check des elektrisierten Kleinstwagens offenbart sehr schnell das Fehlen eines fest eingebauten Navigationssystems. Und außerdem der vom Hersteller zugesagten Ladekarte, um den mit einem 60 kw/82 PS  starken Elektromotor und einer 18,7 kWh  Lithium-Ionen-Batterie ausgestatteten Testwagen immer wieder zu Kräften bringen zu können.  

Der Zwerg nuckelt über Nacht am Hausstrom

Die Nacht vor der großen Reise nuckelt der Zwerg vor der Haustür über ein gut zehn Meter langes und durch den Briefkastenschlitz am Garagentor geführtes Kabel brav am Hausstrom, um dann morgens mit einer ausgewiesenen Reichweite von 152 Kilometern den hinterher winkenden Zweiflern zunächst den Wind aus den Segeln zu nehmen. Damit soll der Weg vom heimischen Soest in das 96 Kilometer entfernte Oberhausen doch locker machbar sein. Die auf das private Smartphone heruntergeladene VW App weist dort eine Ladestation und Google Maps überdies ein Servicecenter der dortigen Stadtwerke aus. 

Die Restreichweite schrumpft bereits nach 50 Kilometern

Doch nach etwa 50 Kilometern schrumpft die Restreichweite empfindlich zusammen, obwohl die angegebene Höchstgeschwindigkeit von 130 km/h graue Theorie bleibt und weder Klimaanlage, Radio oder sonstige Verbraucher Energie für sich beanspruchen.  

Steinzeitliche Handhabung beim Laden

Knapp vier Kilometer zeigt der Tacho kurz vor dem Ziel. Die altmodisch wirkende abschließbare Metallkassette, aus der man im Büro der Oberhausener Stadtwerke die mit einem Guthaben von fünf Euro ausgestattete Ladekarte herausgibt, umständlich gegen handschriftliche Quittung, lässt erste Rückschlüsse auf die steinzeitliche Handhabung des Themas Elektromobilität hierzulande erahnen. 

Das Aufladen – überraschenderweise an dieser Aufladesäule kostenlos dann doch ohne Karte, aber nur mit einem Typ 2 Kabel möglich – dauert zweieinhalb Stunden. Dabei hat der VW e-up! eine zusätzliche Buchse zum Schnellladen und kann an einer Drehstrom-Zapfsäule bis zu 50 Kilowatt Strom zapfen. 

Fahrt im Windschatten. Endstation: Hänger

Die erste in den Niederlanden avisierte Schnellladesäule im 96 Kilometer entfernten Doetinchem scheint mit der 80 Prozent Aufladung in Oberhausen und einer Reichweite von 132 Kilometern locker machbar. Aber: Fehlanzeige. Schnell wird klar, dass das Ziel immer mehr aus dem noch erreichbaren Radius gerät. Obwohl der gerade mal 1340 Kilogramm leichte e-up! die letzten Meter auf der Autobahn weitestgehend im Windschatten eines 80 km/h schnellen LKW verbringt, endet diese Etappe - diesmal unfreiwillig - wieder auf einem Hänger. 

160 Kilometer laut Plan. 100 sind es realistisch.

Hinterher ist man immer schlauer. In Zeiten, in denen Elektromobilität in weiten Teilen Europas noch in den Kinderschuhen steckt, bedarf eine solche Tour einer sehr sorgfältigen Vorbereitung. Sie muss gar nicht unbedingt an der Reichweite scheitern, die Volkswagen für den kleinen e-up! vollmundig mit 160 Kilometern angibt. Realisierbar sind bei unaufgeregter Fahrweise, angenehmen Temperaturen und ohne die ohnehin völlig überbewertete Annehmlichkeit eines Radios knapp 100 Kilometer. Damit lässt sich in den Niederlanden in jedem Fall eine der 63 Stationen der Fastned-Schnellladestationen direkt an der Autobahn erreichen. Keine ist von der nächsten mehr als 40 Kilometer entfernt und kann über eine App mit Bezahlfunktion Tag und Nacht angezapft werden. Mit den an jeder Station zur Verfügung gestellten Aufladekabeln mit CS, ChAdeMo, AC-Steckern  und Tesla Adapter dauert das Aufladen maximal 30 Minuten. Genug Zeit für einen Spaziergang mit dem vierbeinigen Freund in die grüne Umgebung der Ladestationen, deren Strom ausschließlich aus alternativen Quellen stammt.  

Man kann elektrisch auch weiter weg. Aber nie ohne Plan.

Dank 4.000 Euro Förderprämie sinkt der Preis für den e-up ! auf etwas über  22.000 Euro. Das ist mehr als das Doppelte des knapp 10.000 Euro teuren Basismodells mit Benzinmotor. Im Gegenzug hat der rein elektrische Ausflug in die Niederlande hin und zurück an reinen Fahrtkosten knapp 20 Euro gekostet. Und eine wichtige Erkenntnis gebracht: Man kann mit einem Elektroauto, so klein es auch ist, auch mal weiter weg in Urlaub fahren. Man darf aber nicht einfach drauflos fahren. Es sein denn, der Weg ist das Ziel, und Zeit und Nerven sind belastbarer als die Batterie.  

Datenblatt 
Vw e –up!
Motor: Synchron-Elektromotor
Batterietyp: Lithium-Ionen
Batteriekapazität: 18,7 kWh
max. Leistung kW (PS): 60 (82)
max. Drehmoment: 210 Nm
Höchstgeschwindigkeit: 130 km/h
Abgas CO2 (lokal): 0 g/km
Verbrauch: 11,7 kWh
Reichweite: 160 km
Grundpreis: 26.900 Euro

 

Alles andere als einfach

Rein elektrisch fahren – also nicht mit Range Extender als Zusatzmotor oder mit einem Hybrid – kann in Deutschland zur Strapaze werden. Die Dickschiffe der Energieversorgung spielen ein übles Spiel mit den Usern. Mal mit Ladekarte, mal ohne, mal mit RFID, mal mit Scan eines QR-Codes, wer Strom zum Fahren braucht, muss oft viel Geduld aufbringen. Und viele Karten beantragen. Und während Deutschland knapp 8.900 E-Tankstellen anbietet, sind die flächenmäßig fast zehnfach kleineren Niederlande bereits mit fast 2000 e-Tankstellen weit vorne. Start-ups in Deutschland versuchen, ihr Know-how zu bündeln und die etwa 50.000 e-Tankstellen in Europa miteinander zu vernetzen. Mit einfachen Konditionen beim Finden und Bezahlen und mit einer Rechnung für alle Ladevorgänge. Alles eine Frage der Digitalisierung,

 

Solveig Greve

Solveig Grewe

Bilder zum Vergrößern klicken


Jo Clahsen

„Jo“ lebt seit Jahrzehnten das Thema Auto. Dabei hat er nie die Fähigkeit zur Begeisterung verloren. Hauptsache, es geht voran. Auf der Rennstrecke, der kurvigen Landstraße, am Pass, auf der Autobahn. Am liebsten natürlich mit vielen Zylindern. Und entsprechendem Klang. Aber elektrisch findet er auch cool.