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Hans-Henning Kiefer

19.06.2018

Muskelkraft im Buckel-Volvo

Mit einem im Volksmund Buckelvolvo genannten PV 544 bei der Paul-Pietsch-Classic. Hans-Henning Kiefer war Pilot in Command.

Gerade einmal zehn Jahre jünger als der Fahrer: Etwas abseits der Porsche, Mercedes, Jaguar, Maserati, Ferrari und Aston Martin, steht er vor der Reithalle. Er, das ist ein hellblauer Volvo PV 544, Baujahr 1963, wegen seiner ungewöhnlichen Form auch Buckelvolvo oder Katzenvolvo genannt. Dieser Schwedenstahl auf Rädern wird zwei Tage und rund 560 Kilometer lang das rollende Heim für zwei Journalisten sein, denen die Abteilung Volvo Classic das Fahrzeug für die Paul-Pietsch-Classic zur Verfügung gestellt hat, damit sie in Erinnerung an den Freiburger Rennfahrer und Gründer der Motorpresse teilnehmen können.


In den 60ern ein Alltagsauto, heute ein Hingucker


Seinen Namen hat der 75 PS starke Buckelvolvo von seinem runden Schrägheck und er wird an den beiden Tagen bei Ortsdurchfahrten und auf freier Strecke immer wieder fotografiert und beklatscht – ein Alltagsauto der 60er Jahre wie Ford, Opel, Peugeot und Volkswagen, mit dem die schwedischen Autobauer in Deutschland den Durchbruch schafften. Alles ist hier ein bisschen anders als gewohnt. Das fängt schon mit einem dünnen aber großen Lenkrad an, statt Klimaanlage gibt es Fenster zum Kurbeln, Dreiecksfenster vorne und Ausstellfenster hinten: Auch bei großer Hitze, wie sie Fahrer und Beifahrer erleben, bringt der Fahrtwind so Erfrischung. Die braucht es unbedingt, den der kraftvolle 1,8-Liter Motor bringt das nur 1.070 Kilo wiegende Automobil schnell voran, vier Gänge müssen reichen, doch das Drehmoment ist überraschend hoch. Für den Fall der Fälle hat „Volvo Classic“ mit René Bornkessel und Christian Teschke zwei Mechaniker mitgeschickt, die bei einer Panne rasch zur Stelle sein können. Die erste Wertungsprüfung in Schweighausen – eine abgesperrte Strecke zwischen zwei Lichtschranken muss in einer festgeschriebenen Zeit durchfahren werden – versieben Pilot und Co-Pilot: 80 Meter in 15 Sekunden und gleichzeitig die ersten 40 Meter in acht Sekunden zurückzulegen, gelingt nicht. Der Beifahrer zählt anhand von Stoppuhren, der Fahrer gibt Gas und bremst. Noch klappt das Zusammenspiel der beiden nicht so recht. Am Ende des ersten Tages liegt das Volvo-Classic-Team auf Platz 90. Von 107 Teilnehmern.
 

Autofahren als geistige und körperliche Herausforderung


Die Zeiten und Aufgaben sind in einem Roadbook zu finden – 70 Seiten für jeden Tag. „Chinesenzeichen“ finden sich darin, die der Beifahrer lesen und dem Fahrer ansagen muss. Ein schwarzer Punkt kennzeichnet den eigenen Standpunkt, Pfeile symbolisieren die Fahrrichtung. Kilometerangaben zeigen, wann abzubiegen oder die Richtung beizubehalten ist. Präzise müssen die Ansagen sein, damit der Pilot in die richtige Richtung steuert. Es geht auf bekannten Straßen, aber auch auf unbekannten Sträßlein, die Karl Wolber und sein Team vom ADAC Südbaden ausgesucht haben – bei jeder Paul-Pietsch-Classic gibt es neue und auch für Einheimische überraschende Routen.Von einem Jaguar XK oder einem Alfa Romeo lässt sich der Buckelvolvo die kurvigen Strecken bergauf nicht abhängen, aber vom Fahrer wird Muskelkraft verlangt: Wegen fehlender Servolenkung braucht es kräftige Oberarme. Und nach dem ersten Tag stellt sich ein leichter Muskelkater in der rechten Wade ein: Das Pedal für die vier Trommelbremsen verlangt bergab und vor Kurven kräftiges Treten. 

Auch Platz 89 vermittelt Glücksgefühle


Die beiden Journalisten haben trotz der Misserfolge bei den Wertungsprüfungen ihren Spaß mit dem Volvo PV 544. Nicht Letzte zu werden, gelingt, denn Strafpunkte fürs Überschreiten der Zeit, in der die einzelnen Tagesetappen zurückzulegen sind, sammeln sie nicht. Am Ende des zweiten Tages der 7. Paul-Pietsch-Classic springt als Gesamtergebnis Rang 89 heraus. Das lässt sich verschmerzen – weit weniger jedoch der Abschied vom „Buckelvolvo“, der beiden ans Herz gewachsen ist. Für ihn geht es wieder zurück ins Depot von „Volvo Classic“ in Köln.

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