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Frank Rößler

02.03.2018

Form loses function

Beim Diesel ist es ja jetzt so weit gekommen, dass Vorschriften und (Abmahn-)Trends gewiefter juristischer Scharlatane mit einer über Jahre verteilten Serie von Beschwerden und Klagen über einzelne Schadstoffe im Abgas, zu einem Verbot führen können. Dabei hat die Beseitigung des einen oft zur Verstärkung des anderen geführt. Es könnte aber sein, dass die gleichen Schlingel sich demnächst über des Deutschen liebstes Kind an sich hermachen: das Auto. Als Diesel und auch als Benziner.

Und – um mal ehrlich zu sein: mit Fug und Recht.

Seit Jahren werden unsere Autos nämlich nicht nur stärker, größer, schwerer, teurer und – relativ zur Leistung gesehen – sparsamer, sondern auch: gefährlicher. 

Seit Jahren testen und beschweren sich entsprechende Magazine darüber, dass im Zuge der Aerodynamik-Optimierung und des Designs schräg stehende und zum Schutz der Insassen entsprechend dicke A-, B-, C- und D-Säulen den Rundumblick verschlechtern. Und damit Gefahren für Kinder, Radfahrer oder sogar ganze LKWs heraufbeschwören, die durch die Säule zuverlässig vor dem Blick des Fahrers verdeckt werden. OK: Bei letzteren ist die Gefahrenlage eher anders herum, aber Sie verstehen das Problem.

Seit Jahren sorgen zudem aufsteigende und „dynamisch wirkende“ Fensterlinien für immer weniger Ausblicke und Durchblick beim Einparken – geschweige denn, dass die Schießscharten, die früher Heckscheiben hießen, irgendeinen Hinweis auf Gegen- und Abstände hinter dem Auto bieten könnten. Sitzposition (möglichst tief) und Fenster-Unterkanten (möglichst hoch und möglichst weit weg vom Fahrer) samt abfallender Motorhauben lassen auch vorn zuverlässig im Unklaren, wo man denn gerade in Bezug auf die nächste Mauer steht.
Schön für die Autoindustrie, die dann ach so tolle, moderne Gadgets wie Rückfahrkameras, Rundumsichtautomatiken mit 3D-Effekten, Parkpiepser und Displays verkaufen kann.

Und wir Autofahrer kaufen und kaufen und kaufen  oder lassen uns Dienstwagen hinstellen – ist ja so schick und so modern.
Gerade letzte sind eigentlich ein Treppenwitz der Verkehrspolitik, zu der ich nun auch mal die Produkt-, Design- und Ausstattungspolitik der Autokonzerne zähle. Die Bedienung von Smartphones während der Fahrt ist (sinnvollerweise) verboten, selbst wenn es nur die Navi-App ist, die in einem eigenen Gehäuse so grade noch geduldet wird. Und doch ist seit einiger Zeit der Trend zum knopf- und tastenlosen Cockpit unverkennbar. Die als Touchscreens ausgeführten und mit Bedien-Apps bestückten Displays lauern allüberall. Bis jetzt vom Gesetzgeber unbelastet – sie gehören ja zum Auto, das samt Mobilfunkverbindung zum Smartphone auf Rädern mutiert.

Hallo? Geht’s noch? 

Form follows function war einmal die Devise, und gerade beim Autofahren sollte sie es noch immer sein, damit alle Funktionen des Autos blind zu bedienen sind. Auf einem Touchscreen!?! Der gerade beim Smartphone mit höheren Bußgeldern vom Steuer verbannt werden soll? Schuss schon gehört?


Und wir Autofahrer kaufen und kaufen und kaufen – is ja so schick und so modern.


Ich sehe es also kommen, dass halb Deutschland nicht mehr auf die Straße schaut, sondern auf die ach so schicken Displays im Cockpit guckt, weil die überbordenden Funktionen dieses automobilen Smartphones sonst nicht mehr zu managen sind.
Aber dafür kann die Autoindustrie ja Kollisionswarner, Spurhalte-, Überhol- und Bremsassistenten, Guck-auf-die-Straße-Aufforderungsalarme (abstellbar) oder demnächst sogar die (teil-)autonomen Autos verkaufen.


Denn die normalen Autos, die von einem Menschen gesteuert werden, sind ja auf Betreiben der Deutschen Verkehrssicherheitshilfe verboten worden. Die waren ja zu gefährlich. Spätestens wegen der Touchscreens.

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