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Frank Rößler

14.10.2017

Gestatten: Nestbeschmutzer. 

Nicht nur hier auf Guess Station, sondern auch in anderen Technikecken gilt: „Retro“ ist vermutlich noch eine der schmeichelhafteren Kategorien, in die man mich in meinem Redakteursleben einsortiert hat. Warum? Weil ich auch mal hippe, „zeitgemäße“ Entwicklungen, die angeblich den Stein der Weisen darstellen, in Frage stelle. Und mir eine Einstellung nach dem Motto „früher war alles besser“ unterstellt wird. War es auch. Manchmal.

Die Frage nach „Form follows function“ 

Beispiel gefällig? Ein Telefon mit einem kanten- und konturlosen Touchscreen, der so groß ist, dass man das Gerät nicht mehr einhändig und blind bedienen kann, ist schlicht und ergreifend – eine Fehlkonstruktion. Bei dem dann Ingenieurs„kunst“ bis hin zur von künstlicher Intelligenz gepimpten Sprachsteuerung erfunden werden muss, um diesen Lapsus auszugleichen. 

Man stelle sich vor, dass wir alle nur noch dumpf vor uns hin brabbelnd durch die Gegend rennen, weil wir ohne die Funktionen eines Smartphones aufgeschmissen sind. Ingenieurskunst um der Ingenieurskunst willen. L’art pour l’art, weil es geht. Und mit viel Marketinggeschrei beworben wird als das Ei des Kolumbus, das alles auf den Kopf stellt. 

Okay: Das Smartphone hat tatsächlich vieles auf den Kopf gestellt, aber ist es deshalb noch ein wirklich brauchbares Telefon? Schon die Frage nach der nicht vorhandenen Ausdauer – denn das Gerät darf trotz der ach so tollen Größe und Rechenpower ja nichts wiegen – führt in vielen Fällen zu irrem Gelächter. Bestenfalls. 

Und da ist von Netzverfügbarkeiten in verschiedensten Gegenden noch nicht einmal die Rede. 

Ohne die auch die ach so tollen Zusatzfunktionen nicht funktionieren. Ob die dann bedienbar sind – einhändig – blind – mit einem dafür ungeeigneten, analog-biologischen „Präzisionswerkzeug“ – namens Fingerkuppe?

In Frage stellen – Autos?

Zugegeben: Autos sind praktisch, nützlich und wichtig. Autos können schön sein. Autofahren kann Spaß machen. Leistung kann Spaß machen. Alles richtig. 

Aber in erster Linie ist ein Auto ein VER-brauchsgegenstand. Das kostspieligste Einwegprodukt für den täglichen Bedarf, das sich der Mainstream der mobilen Wegwerfgesellschaft leistet. Das man kauft, benutzt, gebraucht und VER-braucht, im Idealfall, bis es irgendwann nicht mehr zu reparieren ist. Oder bei dem man die Reparatur nicht mehr bezahlen will. Weil es zu wenig Leistung hat. Alt ist. Unmodern. Politisch nicht mehr korrekt. Nicht mehr „in“. 

Und weil ein anderes Auto vielleicht mehr kann. Ääääh – wofür? Muss ein Auto ständig die Leistungsfähigkeit und Fahrverhalten eines Sportwagens mit dem Platzangebot für eine halbe Fußballmannschaft samt Urlaubsgepäck für vier Wochen im Outback kombinieren? Bei gleichzeitigem Ausstattungsüberfluss in einem Variantenreichtum, der die Zahl der Fahrzeugmodelle übertrifft und vor nicht all zu langer Zeit vermutlich gleich zwei Etagen von Harrods gefüllt hätte? Um dann jeden Tag – im Stau zu stehen? Oder nach der mühsam-verkorkst erfüllten Aufgabe als Schülertaxi vor dem eigenen Haus?

Und da ist von Preisen noch nicht einmal die Rede.

Widersinnig

Wie war das noch? „Wir kaufen Dinge, die wir nicht brauchen, um Leute zu beeindrucken, die wir nicht mögen, mit Geld, das wir nicht haben.“ Manchmal habe ich den Eindruck, dass es genau darum geht bei Autos. Und um nichts anderes. Um wer zu sein. Um mitreden zu können.

Bei allem anderen wird dann mit dem Pfennig gefuchst. Nicht einmal, weil man es sich nicht leisten könnte, sondern aus einer „Das muss ja billiger gehen“-Mentalität heraus. Angeben mit teuren Autos und billigen Schnäppchen ist anscheinend in Mode.

Wasser trinken, das man predigt

Mein Auto ist vergleichsweise alt. Und vergleichsweise klein. Und vergleichsweise schlapp. Und vergleichsweise mager ausgestattet. Und vergleichsweise günstig. 

Aber es tut seinen Job: Es bringt mich und die paar Sachen/Menschen, die ich bewegen möchte, trocken von A nach B, und ich kann mir vorstellen, jederzeit einzusteigen und 1.000 Kilometer an einem Tag zurückzulegen. Was es dann auch noch mit einer einzigen Tankfüllung erledigt.

Andere Autos sind größer? 

Wenn ich Platz brauche, stehen überall entsprechende Autos herum, die man je nach Bedarf mieten kann.

Andere Autos machen mehr Spaß? 

Wenn ich beim Fahren Spaß haben will, setze ich mich auf ein Motorrad. 

Andere Autos sind umweltfreundlicher? 

Ein existierendes Auto, das gefahren wird, bis es auseinanderfällt, ist umweltfreundlicher als jedes neu produzierte, vegan geklöppelte, Luft verbessernde Ökowunder, das eine Fußballmannschaft gut unterhalten und rundum bepuschelt im Formel-1-Tempo von A nach B schweben lässt.

Andere Autos sind repräsentativer?

Von Menschen, die mich an dem, im Zweifelsfall gemieteten, Auto (oder Motorrad) messen, mit dem ich auftauche, soll hier nicht die Rede sein.

P.S.: Ja, ich habe auch ein (vergleichsweise kleines) Smartphone – man arbeitet halt auch mal mobil. Und ich verfluche es mindestens, wenn nicht noch öfter, weil der Akku mal wieder am Ende ist oder die Einhandbedienung nicht funktioniert.


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