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Jo Clahsen

08.06.2017

Von Keder, Kabel und Camping

Carado 348

Spätestens ab 8. Juli kommen gelbe Nummernschilder und die rollende Freiheit wieder. Da begannen in den Provinzen Flevoland, Gelderland, Nordbrabant, Südholland und Utrecht die Sommerferien. Und damit kommt der Track der holländischen Camper wieder auf die Autobahnen. Mit Wohnmobilen und als Gliederzug aus Auto und Caravan. 

Der Schein trügt. Auch wenn die Niederländer einen Großteil der Autobahnspuren in den Sommerferien beherrschen, England, Deutschland und Frankreich liegen in Europa bei Neukäufen von Wohnmobilen und Caravans vorn. Lange Jahre hatte die Branche geschwächelt, hatte namhafte Hersteller wie Tabbert in die Insolvenz geschickt. Doch 2017 setzte sich der Trend von 2016 ungebrochen fort. Mehr als zehn Prozent legen die Verkaufszahlen in Deutschland im ersten Halbjahr 2017 zu und europaweit sind es immer noch mehr als 8,9 Prozent.

Mehr Lifestyle, mehr Chic, mehr Vernetzung

Dabei behilflich sind auf Firmenseite Zusammenschlüsse mehrerer Marken (die französische Trigano-Gruppe versammelt fast 20 Marken unter ihrem Dach) für beide Marktsegmente Caravan und Wohnmobil. Hinzu kommt die Abwendung von Dekor à la Eiche Rustikal hin zu hellen Materialien, lichten und lifestyligen Mobilen in bunten Farben, die entweder als Lifestyle-Camper wie T@B oder teilweise zu akzeptblen Preisen angeboten werden. Außerdem legen sich renommierte Anbieter wie Hymer mit Submarken à la Carado und KnausTabbert GmbH (KTG) trendige T@B oder als eigenständige Marke unter KTG-Dach Weinsberg zu, die preisgünstig und trotzdem ordentlich ausstaffiert sind. Wie bei Renault mit der Dacia. Ergebnis: Technik auf dem Stand des 21. Jahrhunderts bei Heizung, Klimatisierung, Vernetzung bis hin zu ferngesteuertem Parken von Caravans durch „Mover“.

  

 

Im Angebot sind für Kunden und Campingfreunde alle nur vorstellbaren Kombinationen. Wohnmobile auf Basis eines VW Caddy oder Ford Connect, Zelt- und/oder Wohnaufbauten für Pick-ups von Ford, Nissan oder VW. Dann die Teil-Integrierten (Führerhaus noch separat und mit eigenen Türen) und Integrierten, die Fahrerkabine und Wohnmobil kombinieren, ohne direkten Zugang zum Führerhaus. Schließlich die „Liner“, die gerne auch mal hinten als Doppelachser ausgeführt werden. Bis hinauf in die Top-Luxusklasse von 60-Personen-Bussen mit allem Komfort von Kristallglas bis Dachterrasse. Und Tiefgarage für einen schicken Roadster. Ab 1,5 Millionen Euro aufwärts. Für die besonderen Freigeister gibt es dann noch die Allradversionen, die zumindest für einen begrenzten Zeitraum unabhängig von Strom und Wasser unterwegs sein können. Hier hat sich die Firma Iglhaut Allrad aus Marktbreit einen Namen gemacht. Basis sind Sprinter, V-Klasse und Viano von Mercedes. Ohne Allradantrieb beherrscht der Fiat Ducato seit Jahren die Mobilszene (aktuell etwa 65 Prozent), gefolgt von Ford Transit. Und Iveco, wenn es etwas größer sein darf und 7,5 Tonnen umfasst. Aber verschiedene Hersteller haben zwischenzeitlich auch Peugeot und Renault-Motoren im Angebot. Und der Crafter (VW Nutzfahrzeuge) wie auch der Mercedes Sprinter punkten mit vielen Apps und Assistenten wie Seitenwind-Schutz und mehr. Und Neuzugang Womondo baut Wohnmobile auf Basis des Opel Movano, sogar als Sondermodell für Rollstuhlfahrer.

Leichtgewichte auch für den Haken an Kompaktautos

Bei den Zugmaschinen unabhängig sind die Caravans oder Häuser am Haken. Die Hersteller von Caravans haben den Trend erkannt, bieten, kleine, leichte und schick gestaltete Anhänger an, die auch von einem Golf, Seat oder der A-Klasse geschleppt werden können. T@B ist dafür ein gelungenes Designbeispiel des wieder im Markt befindlichen Anbieters Tabbert. Knapp 800 Kilo leicht und trotzdem mit viel Komfort (außer Nasszelle) eingerichtet für den Urlaub zu zweit. Oder Knaus Deseo, der auf unterschiedlichen Plattformen und in verschiedenen Baulängen für zwei Personen oder Familie mit Kindern zu nutzen ist. Zu Preisen ab 8.999 Euro. 

Auch bei den Caravans gilt: Länge läuft. Sieben oder mehr Meter bis hin zum Doppelachser benötigen natürlich als „Zugmaschine“ für den Gliederzug andere Kaliber als den Golf. Da sollten dann bei der Anhängelast in den Papieren mindestens 2.500 Kilo stehen. Noch mehr geht mit großen SUV (etwa Range Rover: 3.500 Kilo). Kräftige Crossover und auch starke Limousinen passen prima in das Freiheits-Konzept. Es gibt etwa auch beim Porsche Panamera die Option Anhängerkupplung.

Die Crux beim Camping ist für alle gleich. Wohnmobil bedeutet Freiheit, überall parken, übernachten und Kaffee trinken zu können. So lange die Markise eingerollt bleibt, ist ein normaler Parkplatz auch Hotel. Will man mit dem „Wohni“ aber in alte Innenstädte mit verwinkelten Gassen ist schnell Schluss. Da kommen E-Bikes oder auch Motorroller in Frage, um mobil zu bleiben. Hier bieten große Wohnmobile entsprechend Platz in der Garage.

Caravan ist nicht ganz so frei, denn auch bei zusätzlich installierter Gel-Batterie für autonomen Strom, geht das nicht ewig gut. Da muss dann der 3-Pol Euroadapter her (sieht so aus wie der Stecker für E-Mobile), um von Hänger auf Netz zu adaptieren. Und Keder, um Vorzelt oder Markise mit dem Hänger zu verbinden. Großes Plus: Die Zugmaschine steht immer für Touren, Einkäufe, Stadtbesuche oder die Fahrt ans Meer zur Verfügung. Mit E-Bikes oder mit mechanischen Rädern, die gerne auf der Anhängerdeichsel mit in Urlaub fahren.

Rangieren mit dem Trailer dank VW „Trailer App“

Für alles und jedes gibt es probate Lösungen. Der Keder ist dabei Universalverbindung wie USB beim Handyladen. Ein fester Kern in Schnurform wird dabei in eine Metallschiene eingeführt und verbindet Vorzelt, Markise und Wohnzelte windsicher mit dem Caravan. Es gibt, wie sonst auch im Leben, ordentliches Basis-Material, gute Mittelklasse und Top-Qualität. Sowohl bei Hard- als auch bei Software: So kann ein Vorzelt zwischen 800 und 8.000 Euro kosten, ein „Mover“ 700 oder 3.500 Euro. Man kann natürlich nach wie vor beim Rangieren selbst Hand anlegen. Auf allen Campingplätzen finden sich hilfreiche Geister, die den Caravan auf seinen Platz schieben. 

VW hat mit Trailer Assist eine Lösung, die in der Zugmaschine für entspanntes Rangieren sorgt. Mit Hilfe des Spiegelverstellschalters und der Rückfahrkamera wird der Winkel, in dem der Hänger in die Lücke soll, fixiert, dann braucht der Fahrer nur noch zu bremsen oder Gas zu geben. Knapp 620 Euro ruft VW dafür auf. 

Für das gesparte Geld kann der Camper eine tolle Kühlbox, einen Heißwasserboiler oder andere Geräte anschaffen, die mit 12-Volt, 220 Volt und Gas betrieben werden können. Online wie auch in großen Hallen bieten viele Anbieter alles, was des Campers Herz begehrt. Dazu kommen mit dem Caravan Salon in Düsseldorf und der CMT in Stuttgart noch zwei Messen, die für Camping-Neulinge wie auch für Langzeit-Camper immer noch Anregungen parat halten.

Von Außendienstler bis Quasi-Camper. Für jeden ist was dabei.

Es gibt in dieser Gesellschaft der Frischluft- und Naturliebhaber unterschiedliche „User“. Da wäre zum Beispiel der Außendienstler oder Montagearbeiter, der nicht alle Nas’ lang in einem anderen Hotel wohnen will, sondern in "seinem" Bett. Da sind reiselustige „Silver Ager“, die sich mit einem edlen Wohnmobil einen jahrelang gehegten Wunsch erfüllen. Und da sind die Teilzeit-Camper, die – auch aus finanziellen Gründen – mit Kind und Kegel ihre Urlaube im mobilen Heim plus Zelt für die Kinder verbringen. Mit Kinderfahrrädern, Kanus oder anderem Freizeitgerät auf dem Dachgepäckträger. Und, damit das Klischee auch noch kommt: Es gibt auch Quasi-Camper. Sie kaufen einmalig einen Gebrauchten, stellen in auf einen Platz, legen schwere Steinplatten auf die Wiese, bauen sich eine Hütte vor den Caravan. Legen Blumenrabatte an. Sie können dann auch vieles von zu Hause aus per App steuern. Und sind zufrieden. Mit Fahnenmast und allem Drum und Dran, was zu einem „Ferienhaus“ gehört. Bei den Dauercampern liegt die Betonung auf Camping, denn mobil sind diese Caravans ohne Kennzeichen nicht mehr.

Achtung Eltern: Fast überall gibt es freies WLAN

Auch bei den Plätzen sieht es ähnlich vielfältig aus. Vom kleinen Naturcamping mit 20 bis 30 Stellplätzen bis zum Fünfsterne-Camping mit Thermalbad sowie Kurbehandlungen ist alles im Angebot. Allein in Deutschland sind es 2.873 Plätze mit bis zu 221.000 Plätzen. Für Festcamper oder Durchreisende. Die Preise gestalten sich nach dem Angebot. Meist ist je Platz und Person ein fester Preis zu entrichten. Strom wird nach Kilowattstunde oder pauschal berechnet. Das Duschen kostet in den meisten Fällen extra, ebenso die Benutzung einer Waschmaschine. Wichtig für alle Eltern: Auf den meisten Plätzen gibt es kostenloses WLAN für die Kids.

 

ACSI.eu App für Camper. Einzelne Länder für Kleinbeträge, Europa gesamt für 13,99 €. Es gibt auch eine ACSI-Card, die bei bestimmten Plätzen 10 Prozent Rabatt garantiert. Die Organisation aus den Niederlanden hat Freiwillige, die jedes jahr den Zustand der Plätze beurteilen.

de.camperstyle.net: Allgemeine Infos und Erfahrungswerte von einem jungen Paar, das seit Jahren Camping betreibt.

ProMobil Die Zeitschrift ProMobil bietet eine App für Stellplätze (Stellplatz Radar), die kostenlos ist. Mit Stellplatz Radar + kommen dann einige Features dazu, wie etwa Offline-Kartendaten. Gegen 6.99 € gibt es die sehr komfortable Lösung sich durch Ortungsdienste die nächst gelegenen Stellplätze enzeigen zu lassen. Ausführliche Info und Bewertungen inklusive. Und eine Navigation vom aktuellen Standpunkt über die integrierte App ist ebenfalls enthalten.

Reisemobil International (Tochterzeitschrift: CamperVans) bietet mit Bordatlas Web App ebenfalls eine Stellplatz und Camingplatzsuche an, die aktuell um Verfügbarkeits-App, besseres Kartenmaterial, Wetterprognose und mehr als 5.000 Campingplätze ergänzt worden ist. 16,90 € /Jahr

Außerdem bietet der Verlag ein Buch über Winzer an, die auf ihren Weingütern Stellplätze anbieten. Meist ist es mit Weinprobe und/oder Essen von lokalen Spezialitäten kombiniert. Eat, Drink, Sleep.

Thevanual.com beschreibt detailliert, wie sich der Amerikaner Zach zum Camper-Nomaden entwickelt hat. Von der Frage „Is it for you?“ über die Wahl des Fahrzeugs, die Isolierung, Innenausbau bis zum fertigen Campervan kann man viel lernen (in Englisch)

 

Mieten statt kaufen 

Man muss nicht gleich 40.000 oder mehr Euro in die Hand nehmen, um zu testen, ob es mit dem Leben als Camper klappt. Es gibt Verleih-Stationen wie Rent Easy oder McRent, die Wohnmobile unterschiedlicher Hersteller (oder eines bestimmten Herstellers) in allen Klassen und Größen anbieten. Das ist natürlich kein Schnäppchen, aber immer noch erheblich günstiger als nach der zweiten Tour festzustellen, dass ein Urlaub im Hotel doch komfortabler wäre. Und das neue Mobil mit Verlust verkaufen zu müssen.


Wir haben bei Rent Easy in Sindelfingen einen Carado 348 gemietet. Und wir durften sogar den Hund mitnehmen, was ansonsten in der Branche nicht üblich ist. Gegen eine Reinigungsgebühr von 150 Euro („Wir haben Allergiker als Kunden, da müssen alle Bezüge pingelig gereinigt werden“) waren wir dabei. In der Vorsaison kosten Teilintegrierte wie unser Carado circa 100 Euro am Tag mit einer Kilometer-Pauschale von 200 Kilometern. Camping-Tisch und zwei Stühle waren mit drin, aber alles andere wie Geschirr, Besteck, Gläser, Töpfe und Bettzeug kann/muss man mieten. Wir hatten es als Camper im Fundus und haben alles, was man braucht, von einem Fahrzeug ins andere geladen.


Navigationssoftware haben wir auch nicht gehabt, sondern mit Google-Maps, mit Stellplatz Radar + und den ACSI-Apps unsere Route frei nach Lust und Laune geplant. Da jeweils Telefonnummern und Mailadressen in den Apps hinterlegt waren, hätten wir sogar im Vorfeld die Verfügbarkeit prüfen können. Aber Anfang April ist es eher ruhig auf den meisten Plätzen.


Eine Pauschale von 1.500 Euro für die Versicherung wurde im Vorfeld von der Kreditkarte abgezogen, gleich nach Rückgabe aber wieder erstattet. Der 150 PS starke Diesel war uns nach kurzer Strecke ein kräftiger Freund geworden, mit dem wir uns sogar auf kleine Passstraßen getraut haben. Im Schnitt hat er 10 Liter Diesel konsumiert, was bei solch einem Trumm sehr ordentlich ist.


Das Gas (2 Flaschen zu 11 Kilo) war im Preis mit drin, ebenso die Tankfüllung. Da die Nächte noch sehr kühl waren, haben wir mehr als 11 Kilo Gas verbraucht, aber immer schön gemütlich gelesen, gegessen und im französischen Bett geschlafen. Das Handling ist anfangs wegen des langen hinteren Überhangs und der Höhe von 3,90 Meter schon befremdlich. Nach zwei, drei Tagen legt sich die Aufregung und macht reichlich Vorsicht Platz.


Unter dem Strich standen nach 12 Tagen knapp 1.700 Euro. Inklusive aller Nebenkosten. Dazu gesellen sich die Kosten für Essen und Trinken (muss man zu Hause aber auch), sowie die teils erheblichen Campingplatz-Gebühren. Dagegen waren die reinen Stellplätze fast schon ein Schnäppchen und teilweise sehr romantisch gelegen. 


Wären wir absolute Neulinge gewesen, wäre es uns um die 1.700 Euro nicht schade gewesen. Nach einer solchen Tour weiß man, ob und zweitens, was man will. Für überschaubares Geld. 

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Jo Clahsen

„Jo“ lebt seit Jahrzehnten das Thema Auto. Dabei hat er nie die Fähigkeit zur Begeisterung verloren. Hauptsache, es geht voran. Auf der Rennstrecke, der kurvigen Landstraße, am Pass, auf der Autobahn. Am liebsten natürlich mit vielen Zylindern. Und entsprechendem Klang. Aber elektrisch findet er auch cool.