freestyle3_header.jpg

Jo Clahsen

25.05.2017

DER HAI

Ausritt mit BMW Classic Cars. Ich steige in ein 40 Jahre altes Coupé, den 3.0 CSL Einer aus der letzten Serie. Der Volksmund nennt ihn Batmobil. Weil er mit Spoilern voll gehängt ist. Schrill ist er. Aber auch schnell. Ein Ausritt mit Folgen. Und mit Timo Glock.

Er ist wie ein Zippo. Analog, mechanisch, benzingetrieben. Und mit einem Klicken wie beim Öffnen des Zippo rastet das Ritzel des Anlassers ein und befeuert die sechs in Reihe stehenden Töpfe. Das klingt vollkommen unspektakulär. Sonor. Man hört genügend Hubraum und stoische Gleichmut. Und man spürt nichts. Denn Reihensechszylinder hat BMW damals verkauft als das „lautlose Ende der Vibration“ auf der Vorderachse. Ruht der 3.0 CSL also in sich? Keineswegs. Ein kurzes Revving in Richtung 3.000 U/min zeigt, dass er auch ganz anders kann als bloß das Gentleman-Coupé zu geben.

Schnurrend durch die Stadt, die dem Einspritzer nicht gefällt. Landstraßen sind sein Ding. Hier kann er drehen und Kraft in Vorschub umsetzen. Das klingt nicht wie italienische Zwölfzylinder, die schreien wie eine Frau, die über Barthaare im Waschbecken zetert. Eher nach Kraft aus dem Keller. Aus der Muckie-Bude, wo einer noch mal zehn Kilo mehr drauf packt und sie unter Stöhnen schafft. Kernig. Solide. Er sagt: Es geht noch was. 

Vier Gänge, keine Servolenkung

Es gibt nur vier Gänge, keine Servolenkung. Und nur schlappe 1.165 Kilo zu bewegen. Auf der ersten Probegeraden geht er ab wie die Sau. Verlangt nach kurzen Gangwechseln, wenn die 5.000er Marke überschritten wird. Und giert, giert, giert ohne Unterbrechung. Ob er, wie angegeben, in 7,1 Sekunden auf 100 ist, kann ich nicht sagen. Gefühlt ist er schneller. Hartes Anbremsen, zwei Gänge runter. Die Kurve ruft. Und in den Kurven zählt es. Der Kurs, den das griffige Lederlenkrad vorgibt, wird vom Drei-Null eingehalten, als gelte es, Stücke aus dem Asphalt zu reißen. Dabei geben die sieben Zoll breiten Felgen mit entsprechenden Gummis eine gute Grundlage für Haftung. Und enorme Querbeschleunigung. Fakt ist: man kann mit dem CSL sehr spitz in die Kurven reinhämmern und relativ früh ans Gas gehen. Lange, sehr lange, bleibt er neutral, weil auch ein Sperrdifferential mithilft. 

Ist der Übermut erst einmal da, weil das analoge Umfeld heimisch wird, zeigt der BMW trotzdem Contenance. Sehr übermütig und mit kalten Reifen in die Kurve geschmissen, schiebt er über alle Viere, lässt sich aber mit einem Gasstoß wieder auf Spur bringen. Nur leicht übermütig braucht es auch nur leichte Eingriffe am Lenker. Und zack ist er wieder auf Kurs. Je länger diese Tour geht, desto vertrauter das Batmobil. Kraft ist im Übermaß vorhanden. Die Leichtigkeit im Vergleich zu den normalen CS-Coupés – minus 250 Kilo – treibt dem Treiber dicke Grinsfalten ins Gesicht. Auto analog ist wie ein Basejump. Adrenalin pur. Spaß für mindestens drei kalte Wintermonate. Kein durch geschwitztes Hemd, sondern ein wenig Ziehen in den Armen, weil es ohne Servo doch ein bisschen anstrengend ist. Und ein paar Druckstellen an der Hüfte, weil die Sitzschale so eng ist wie ein 19er Ringschlüssel für Menschen.

Die Gedanken fliegen mit dem CSL. Slophosen, Hotpants und Blümchenhemden superslim. So eng wie die Sitzschale. Bisschen proll ist’s schon in den Siebzigern. Und auch am CSL. Aber auch sehr sexy. Coffee 2 go gibt’s noch nicht, dafür Bravo, Beat Club und ein ehernes Gesetz: Hubraum ist durch nichts zu ersetzen. Außer: durch mehr Hubraum. So auch beim 3.0 CSL. Gestartet wird mit 2.985 Kubik, der gefahrene CSL Baujahr 1973 hat 3.153 Kubik und statt 180 immerhin schon 206 PS. Damit fährt er in einer Liga mit dem Porsche Carrera RS 2,7 und dem Ford Capri RS 2600. Nur: Der CSL sieht aus wie die Inkarnation von Pimp My Ride. Spoiler allerorten, Ballonreifen. Chrom an den Radläufen. Bad Taste? Nein, es geht um Performance mit einem Motor, der auch heute noch Sahne der Doppelrahmstufe ist.

Kleine Ausstellfenster spielen Klima

Dazu reichen die Autoköche der Siebziger Eiche-Rustika-Decor am Armaturenträger, ein Lederlenkrad mit drei gelochten Speichen, Uhren, die so analog sind wie die erste LP von den Stones. Und vier Gänge für sechs Zylinder. Heute wären es acht Gänge für vier donwngesizte Zylinderchen. Um die Scheibenwischer zu aktivieren, muss auf den Blinkerhebel rechts vom Lenker „geklickt“ werden und dann der Schalter links vorne hoch gezogen. Scheiben werden noch gekurbelt, hinten sind sie starr, weil aus leichtem Plastik. Kleine Ausstellfenster spielen Klima. CSL steht schließlich für Coupé Sport und Leichtbau. Neben Türen, Fronthaube und Kofferraumdeckel aus Aluminium, sowie Dünnglas an den Seitenfenstern vorne ist auch der Servomotor und die Klimaanlage dem Leichtbau geopfert worden. Leichtbau und Hubraum bringen’s halt. Das wusste man auch schon 1973.

Wheelspin gibt es mit den dicken Walzen vom Format 195/70 VR 14 durch einen Gasschub auch. Wenn die Piste feucht ist, macht das besonders viel Spaß. 

Stunden später – der Regen hat sich von Platz- in Unwetterregen mit leichtem Schneefall geändert – bin ich analog weich gekocht. Sobald die Fuhre in Bewegung ist, denkst du nicht mehr an das, was heutige Autos an Helferlein und elektronischen Lassos bieten. Voll auf das Drei-Null-Handling fokussiert. Beim Schalten ein bisschen am Gas bleiben, Zwischengas musst du persönlich geben. Und am servofreien Lenkrad die entscheidenden Impulse. Keine Bevormundung, Auto in puristischer Leichtigkeit. Mit einem feinköstlichen Motor. Damals müssen die Anbauteile noch im Kofferraum transportiert werden, weil es keine ABE dafür gibt. Erst auf der Rennstrecke dürfen sie angebaut werden. Und zwischen 1973 und 1979 hat dieser „Sportsmann“ sechs Mal in Folge die Europameisterschaft der Tourenwagen gewonnen. Striezel Stuck, Chris Amon, Vittorio Brambilla und Dieter Quester haben weiland den CSL um die Ecken geworfen. So heftig, dass selbst den überragenden Ford Capri RS die Spucke weg bleibt.

Seither stehen drei Balken in den Farben blau-violett-rot für eine Performance, wie sie der 3.0 auf die Straße bringt. Aus Motorsport GmbH wird M GmbH. Aus den  für heutige Verhältnisse bescheidenen Ansätzen des Direkteinspritzers CSL wird bis 1976 ein Biturbo-Monster, dessen Leistung künstlich auf 750 PS gebremst werden muss. Dieses Tier muss von Ronnie Petersen auf der Rennpiste wie ein wilder Bronco zugeritten werden. Analog. Und nicht, wie bei heutigen Supersportwagen, durch eine ganze Armada elektronischer Helfer.

Das Zippo klickt, die Kippe brennt. Und das leicht irre Grinsen bleibt. Auto Drei-Punkt-Null.

Bilder zum Vergrößern klicken


Jo Clahsen

„Jo“ lebt seit Jahrzehnten das Thema Auto. Dabei hat er nie die Fähigkeit zur Begeisterung verloren. Hauptsache, es geht voran. Auf der Rennstrecke, der kurvigen Landstraße, am Pass, auf der Autobahn. Am liebsten natürlich mit vielen Zylindern. Und entsprechendem Klang. Aber elektrisch findet er auch cool.