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Jo Clahsen

18.04.2017

Raumgleiter

Bei aller ästhetischen, aerodynamischen und motorischen Schönheit, der Bentley Continental GT Speed, ist ein Dickschiff. Als offener Viersitzer ist er auch ein Kaventsmann. Aber er ist verflucht leicht unterwegs.

Das Ende ist nicht auszumachen. Mehr als drei Kilometer Landebahn auf dem Regionalflughafen von Magdeburg scheinen sich im diesigen Sonnenebel zu verlieren und irgendwo dort hinten total die Kontur zu verlieren. Noch ein paar Zentimeter weiter zurück, denn je weiter der Weg, desto höher die Endgeschwindigkeit. Der Bentley Continental GT Speed ist auf Alarm geschaltet, der linke Fuß hält die Bremse, während der rechte das Gaspedal tritt.

Drei, zwei, eins gibt der Instruktor vor. Dann geht die Post ab. Für fast 2,5 Tonnen. Mit brachialer Gewalt fällt der W 12-Motor über das Auto her, Er dreht energisch aber sahnig die acht Gänge der Automatik aus. Wo starker Reifenabrieb den Landepunkt der Flieger markiert, hat der Speed schon180 Sachen drauf. Und während draußen das kurz geschnittene Gras des Flughafenrasens als gewischtes Grün vorbei zischt, nimmt der Speed die zweite Luft. Bis zu 4000 Liter je Sekunde muss der (neben dem Supersports) schnellste Bentley aus Serienproduktion jetzt verarbeiten. Derweil stemmen sich gewaltige 800 Newtonmeter auf die Wellen und treiben, nein explodieren, den Continental in Richtung Horizont. Je weiter der Speed geht, desto unglaublicher wird die Vorstellung: Dieses stilvoll und höchst luxuriös eingerichtete Luxus-Apartement auf Rädern mit dem doch beachtlichen Gewicht, geht ab wie eine Rakete. Man erwartet sehnlich ein „we got lift-off“ als finale Ansage aus dem hochwertigen Audio-System der Edelschmiede Naim. So ruhig und gelassen fegt der Speed dem Ende der Landbahn entgegen. Bei 292 ist leider Schluss. Können, könnte er noch bis jenseits der 300 km/h Marke. Aber dann würde die Landbahn ausgehen.

Zweiter Versuch: "Nur" 285 km/h

In aller Seelenruhe geht es retour zur Startposition. Noch einmal. Wie schwer es auch für ein exzellentes Fahrzeug ist, sich in diese Regionen hoch zu katapultieren, wird im zweiten Anlauf klar. Ob es an der Luft liegt, am abgekühlten Asphalt, keiner vermag es so genau zu sagen. Aber der GT Speed schafft jetzt „nur“ 285 km/h. Gleiche Strecke. So what. Er hat mehr als deutlich gezeigt, dass er es kann und sogar noch mehr könnte. Unter realistischen Bedingungen wird ein Fahrzeug bei uns kaum dieses Tempo gehen können. Denn es ist ja auch eine Frage des Bremsweges und der Sicherheit für andere Verkehrssteilnehmer, die hier zu Gebote stehen. Eines schockt indes: Wer einen Bentley GT Speed aus diesen hohen Tempi zusammen bremst, vernichtet in Sekunden so viel Energie, wie eine vierköpfige Familie in sechs Stunden verbrauchen würde.

Dass bei solchen Eskapaden auch sonst so dies und das sich in Luft auflöst, ist klar. Klar ist aber auch, dass der Bentley ansonsten eher ein riesig gemütlicher Cruiser ist, ein Gefährt für Herrenfahrer alter Prägung. Es genügt, zu wissen, dass es ginge, wenn man es denn wollte. Aber es muss nicht sein. Schließlich ist man mit einem Bentley nicht auf der Flucht, sondern dahin unterwegs, wohin es mit dem Privatjet zu aufwändig oder zu teuer wäre. Ist das Wochenend-Domizil etwa in Autodistanz, nimmt man den Bentley. Geht es auf längere und weitere Reisen, nimmt man halt den Lear-Jet. Und am Urlaubsort wieder den Bentley, aus dem lokalen Angebot.

Einen downgesizten 4-Zylinder wird es nie geben

GT Speed und GTC Speed sind beides stilsichere Vertreter, die es auch schon verstanden haben, sich durch Nachhaltigkeit nicht verhaltensauffällig, aber so doch neuzeitlich zu gerieren. Achtzylinder. Nur zum Beispiel. Selbstverständlich ist der 12-Zylinder von Motorlauf, Leistung und eleganter Performance schon noch die mutige Version. Aber acht Zylinder gehen auch, zumal die Leistungen des Achters beharrlich weiter steigt. Aber ein downgesizter Vierzylinder, das wird es niemals gehen. Nicht in einem Bentley. Denn das würde bedeuten, dass man Luxus mit Diskounter-Leistungen erreichen will. Geht nicht.

Und beim Thema Luxus sind wir auch gleich bei den Petitessen: Das Cabrio, das für den bequemen und handverlesenen Vortrieb mit 625 PS sorgt, erleichtert auch das Konto nachhaltig. Genau 191.000 Euro sind zu entrichten, damit das Fahrzeug in Dark Cashmere auf den Hof fährt. Oder besser auf die gekieste Auffahrt. Die Costed Options lesen sich noch einmal so wie das What’s what der Luxusklasse: Keramikbremsen schlagen mit 10.495 Euro zu Buche, edles Naim-Hifi mit 3.255, GPS Tracking FulFitment mit 5.475 Euro. Und so weiter. Am Ende der Liste steht der stolze Preis von 215.160 Euro.

Ein Schuft, der Böses dabei denkt.

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Jo Clahsen

„Jo“ lebt seit Jahrzehnten das Thema Auto. Dabei hat er nie die Fähigkeit zur Begeisterung verloren. Hauptsache, es geht voran. Auf der Rennstrecke, der kurvigen Landstraße, am Pass, auf der Autobahn. Am liebsten natürlich mit vielen Zylindern. Und entsprechendem Klang. Aber elektrisch findet er auch cool.