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Frank Mühling

11.04.2017

The All American Dream

Big Apple und Frisco. Yellowstone und die Rockies. New Orleans und Las Vegas. Wenn einen das USA-Fernweh wie eine eiserne Faust packt, aber der Kontostand eher nach „stay at home in your German living room“ aussieht, bleibt nur: Der Frust? Nein. Falsch. Wieso nicht einfach zu Hause dem ALL AMERICAN DREAM frönen und endlich mal so richtig unvernünftig mit den alten Gewohnheiten brechen? Den 5er BMW verkaufen, die Ducati in Zahlung geben und das vorgezogene Erbe eben nicht in die Altersvorsorge investieren, sondern mit einer Hand voll Dollars konsequent amerikanisch einkaufen!

Beim freundlichen Jeep-Händler strahlen der neue Kompakt-SUV Renegade, der Luxus-Indianer Grand Cherokee und der kraxelnde Evergreen Wrangler um die Wette. Alle gleich cool, aber unterschiedlich teuer: Der Renegade startet unter 20.000 Euro. Mehr als doppelt so viel muss man für den Grand Cherokee hinlegen, unter 48.300 Euro geht nix. Irgendwo in der Mitte: Der Wrangler für mindestens 34.000 Euro. Zunächst der Kleine: Niedlich sieht er aus, mit seinen verspielten Design-Zitaten vom legendären Willys Jeep. Aber wie dieser kann er auch im harten Gelände überzeugen – sofern man sich für Allrad entschieden hat, der das Topmodell Renegade Trailhawk sogar befähigen soll, den legendären Rubicon Trail in Kalifornien zu bezwingen. Die günstigen Fronttriebler starten bei 110 PS und sind für den täglichen Großstadtdschungel völlig ausreichen

Vier angetriebene Räder? Beim Wrangler Ehrensache! Der Offroad-Urmeter mit Front- oder Heckantrieb? Ähnlich glaubwürdig wie Calli Calmund auf Brigitte-Diät. Top für Europa: Der 200 PS starke Vierzylinder-Diesel, am besten mit 5-Gang-Automatik, dann wuchtet er 460 Newtonmeter an die Räder. Kraft satt bereits ab Leerlaufdrehzahl lässt den Charaktertyp selbst bei schwierigsten Geländeeinlagen nur müde schmunzeln. Kein Durchkommen? No way? Nicht für den Wrangler, egal ob als Drei- oder Fünftürer.

Bis zu 2,5 Tonnen Anhängelast? Na, dann nix wie ran an den Haken mit dem Airstream-Wohnwagen. Die kultigen Alu-Zigarren stehen wie kaum etwas anderes für den Abenteuergeist der freiheitsliebenden Amerikaner.

„Abenteuer ist überall dort, wo du es suchst, an jedem Ort, außer zu Hause in deinem Schaukelstuhl“, wusste schon Airstream-Gründer Wally Bean.

Die silbernen Design-Ikonen faszinieren schon seit über 80 Jahren – und sind optisch so weit von allen Bürstners und Knaus entfernt, wie Wanne-Eickel von Wyoming. Allerdings: Über 80 heißt auch die Summe, die mindestens fällig wird, will man sich den Traum vom american way of camping erfüllen. Der günstigste Airstream, das Modell 534, startet bei 75.490 Euro. Die Überführung über den großen Teich kostet weitere 6.300 Euro. Allein dafür kaufen andere einen gebrauchten Opel Omega – plus Caravan.

Gedankenstopp, erst mal Umsteigen. Und zwar in den Grand Cherokee, den Indianerhäuptling. Für authentisches US-Car Feeling muss es ein dicker V8 sein. 5,7 oder 6,4 Liter Hubraum? 352 oder 468 PS? Die volle Muscle-Car-Packung verströmt natürlich der SRT mit seinem großen Hemi-Achtzylinder, der als Feigenblatt sogar mit einer Zylinderabschaltung verblüfft. Viel wichtiger: Hemdsärmeliges, rotziges V8-Wummern und 624 Newtonmeter, schön portioniert von einer modernen Achtgang-Automatik. Lässiges Cruisen über den Highway No. 1 oder Sprint-Duelle auf dem Dragstrip – der Über-Jeep kann beides. Pro und contra: Fünf Sekunden auf 100 km/h und eine Spitze von 257 – aber ein Normverbrauch von 14 Liter und eine Ablösesumme von 83.900 Euro. Etwas günstiger, viel vernünftiger, auf uns Europäer maßgeschneidert und nicht mal halb so schwach: Der V6-Diesel mit 250 PS für 56.300 Euro.

Baller-Sound für die Harley

Ein Diesel im Motorrad? Gab es vereinzelt, ist aber ein technischer Irrweg und für einen Harley-Fahrer ebenso undenkbar wie Clint Eastwood in einer Liebeschnulze. Harley Davidson bedeutet V2 mit viel Hubraum und echtem Baller-Sound. Gibt’s für Führerscheinneulinge neuerdings auch mit 46 PS und heißt Street 750. Okay, nur 750 Kubik sind jetzt nicht üppig, dafür lockt der Frischling mit dem geringsten Gewicht alles Harleys (222 Kilo) und einem günstigen Preis von 7995 Euro. Möglich macht’s die Produktion im Niedriglohnland Indien….

Wir fuhren mit der Harley auf der Route 66, kletterten mit dem Jeep über den Rubicon Trail, parkten den Airstream im Yosemite Nationalpark, haben vor ihm im Sonnenuntergang ein kühles Budweiser geleert, eine Lucky Strike ohne Filter inhaliert und nachts von Grizzlies und Apachen geträumt.  

Wir greifen zur übernächsten Konfektionsgröße: Die Fourty Eight, ein Sportster mit dem 1200er-V2 für erschwingliche 11.895 Euro, gebaut in Milwaukee/Wisconsin, wo denn sonst. Optisch ein schmissiges Gerät: Breite 16-Zoll-Reifen, Speichenräder, gedrungener Radstand, kantiger Benzintank im Glitter-Look, mattschwarzer Motor, dicke Ofenrohre. Die „48“ gäbe auch eine gute Figur im heimischen Loft ab. Aber dafür ist sie viel zu schade, also rauf auf den niedrigen Einer-Sattel, Starterknopf gedrückt und die Sporen gegeben. Die im 45 Grad-Winkel stehenden, luftgekühlten Zylinder vibrieren kernig, ein gutes Zeichen! Wir fahren schließlich keine Vierzylinder-Kawasaki. Satt blubbernd geht’s über Land. 68 PS drücken ordentlich, knapp 100 Newtonmeter Drehmoment haben mit den immerhin 255 Kilo Leergewicht leichtes Spiel. Cruisen, gleiten – sollen doch die anderen rasen. Der Hintern ist nur 71 Zentimeter über dem Asphalt, das macht den Bock handlich. Die Landschaft zieht im Cinemascope-Format am offenen Jet-Helm vorbei. 100 Prozent Genuss, 100 Prozent Entspannung.

Jetzt ein Sprung auf die nächste US-Legende aus gleichem Haus. Fat Bob heißt das 17.185 Euro teure Schmuckstück. Seidenmatte Lackierung in beige, schwarze Felgen, Doppelscheinwerfer und dicke, verchromte Auspufftüten, gegen die jede Winchester wie eine Wasserpistole aussieht. Dem Auspuff entweicht aber nur friendly fire, und zwar allerfeinster, rauchiger Blues. Im Rahmen hängt der klassische Harley-Motor: Der Twin Cam 103 hat 1,7 Liter Hubraum, aus denen er bei gemütlichen 5000 Touren 79 PS schüttelt. Und yeah, die zwei Zylinder werden auch vom Fahrtwind temperiert. Der lange Radstand und die nach vorne verlegten Fußrasten stempeln die Dicke zum idealen Buddy für den schnurgeraden Highway. Im engen City-Geläuf muss man aber ordentlich zupacken, schließlich wiegt die Fat Bob leer über 310 Kilogramm.

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Frank Mühling

Frank hat schon alles gemacht, was mit Auto zu tun hat. Er kann TV, Autor und Freelance. Frank liebt die „Kracher“, steigt aber auch gerne mal in einen Kompakten. Zudem hat er ein Händchen für Gebrauchte. Und Young- sowie Oldtimer. Er fährt, trotz mehr als 190 Zentimeter Länge, auch gerne mit seiner alten Honda Dax.