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Jo Clahsen

06.08.2018

Flotter Teilstromer

Er ist die S-Klasse von Volvo. Deshalb auch die Bezeichnung S90 für die Limousine. Mit dem großen Benziner und einem E-Motor ist das Fast-Fünf-Meter-Auto der große Gleiter mit dem Anhängsel für das gute Gewissen.

Als Wohnmobilfahrer ist mir der Akt vertraut. Ankommen und als erste Handlung das WoMo ans Netz hängen. Damit dem Heim auf Rädern nicht die Puste ausgeht. Beim Volvo S90 stellt es sich im Prinzip ähnlich dar. Ankommen, an den Kofferraum gehen, das Kabel zupfen und in die Schuko-Steckdose einstecken. Dann hat der T8 genannte Reihenvierzylinder mit Root- Kompressor seine Ruhe. Und der Lithium-Ionen Akku kann in Ruhe seinen Laeustand auffrischen, um mit voller Power wieder über die Hinterachse herfallen zu können.

Das kann dauern. Je nach Absicherung des Netzes, an dem der S90 seine Park-Position bezieht, braucht es 3 (16 Ampere), 4 (10 Ampere) oder gar 7 Stunden (6 Ampere), bis der flotte Schwede wieder im Besitz seiner elektrischen Fähigkeiten ist. Wobei – wer heute noch sein Haus, seine Wohnung oder auch nur sein Wochenendheim mit 6 Ampere absichert, ist für das Zeitalter der Elektromobilität eigentlich verloren.

320 PS aus dem Benzinmotor und 87 PS aus dem Akku

Also gut. Gehen wir davon aus, dass der S90 betankt und geladen ist und drücken auf den Startknopf, um ihm ein wenig die weite Welt zu zeigen. Der Wahlhebel im Twin Engine Inscription geht etwas schwerer als bei anderen Volvos gewohnt, dafür ist die Achtgang-Automatik, wie sich bald herausstellt, von altem Schrot und Korn. 

Zusammen stehen am Start dann 320 PS des Benziners und 87 PS aus dem Akku zur Verfügung. Man muss aber nicht alle Pferde gleichzeitig wecken, sondern kann, nach ein paar Klicks auf dem großen Hochkant-Display, auch rein elektrisch und leise vom Hof surren.

Was auffällt? Außen wie innen ist der S90 von der gleichen gediegenen Design-Kompetenz gekrönt wie anderen Volvos auch. Ob die X-Familie, die S- oder V-Baureihe, Volvo hat ein Händchen für all jene, die es puristisch mögen. Beim S90 ist das so weit getrieben, dass nur noch wenige bis gar keine Schalter mehr die Optik innen stören. Und wer seine Hand jemals auf ein Smartphone gelegt hat, wird auch mit dem Display schnell klarkommen. Logisch aufgebaut, einfach erlernbar und zielführend sind seine Menüs.

Lassen wir die kleine, griffige Walze zum Verstellen der Motorcharakteristik mal rechts liegen und beginnen im Standard-Modus. Mit leichtem Gasfuß und sehr leise schiebt die 4,96 Meter lange Limousine ihre zwei Tonnen Leergewicht fast mühelos an. Der Automat flutscht flauschig mit den acht Stufen hinterher. Und ehe man sich versieht, ist man – wegen der guten Dämmung – in der Stadt auf 80 Sachen. Wem seine Pappe da lieb ist, der stoppt den Volvo schnell auf Richtgeschwindigkeit. Und lehnt sich gemütlich in die formschönen und Halt bietenden Sessel.

Leise, platzreich, komfortabel – aber die zwei Tonnen merkt man

Das Handy ist längst eingeloggt (was bei der Erkennung via Bluetooth etwas hakelte), da kann die exzellente Anlage von Bowers & Wilkins schon mal dicke Backen machen. In der Stadt ist das Gefühl, mit einem Straßenkreuzer unterwegs zu sein, nicht ganz von der Hand zu weisen. Leise, sehr platzreich, sehr komfortabel, es fehlt an nichts. Auch auf der Landstraße liegt der Volvo S90 gut zur Hand, lässt sich leicht dirigieren und reagiert ordentlich bis gut auf Lenkbefehle. Man merkt allerdings auch die mehr als 2.000 Kilo, will man etwas zügiger um die Ecken wedeln.

Ansonsten kann man sich mit allerlei Elektronik befassen, die im Testwagen integriert ist. Unter anderem auch mit dem Energieerzeuger Benzinmotor. Bei entsprechenden Einstellung sammelt der Akku unterwegs Ladung aus dem Vorwärtstrieb des Benziners. Auf etwa 60  zügig in diesem Modus gefahrenen Kilometern hat der Akku laut Display wieder Saft für 10 Kilometer. Aber der Spritverbrauch ist derweil auch auf ordentliche 8 bis 10 Liter gestiegen. 

Realistische E-Reichweite: 30 bis 35 Kilometer

Eigentlich muss man es dann so halten wie die Wohnmobilisten. Ankommen, einstecken und warten, bis der Akku voll ist. Das ergibt zwar auch nicht die von Volvo angegebene rein elektrische Reichweite von 50 Kilometer, aber gefühlt und mit leichtem Stromfuß sind es schon 30 bis 35 Kilometer, die der S90 schafft, ohne am 50-Liter-Benzintank zu saugen.

Wer allerdings an der Wählwalze dreht und Sport oder gar Allrad einstellt, muss sich darauf gefasst machen, noch etwas schneller wieder an die Steckdose zu müssen.

Das Beste an einem Hybrid ist und bleibt die Tatsache, dass immer noch ein Verbrennungsmotor einspringen kann, wenn der Akku zu früh die Grätsche macht. Der von Volvo angekündigte Gesamtverbrauch von 2,0 Liter auf 100 km ist jedoch so weit hergeholt, dass er mit einer Akku-Ladung und vollem Tank nie und nimmer zu realisieren ist.

Der S90 ist eine große Limousine, er ist ein Schmeichler für gestresste Menschen, die komfortabel von A nach B kommen wollen. Dafür stehen für die Inscription-Version aber auch bereits 72.000 Euro auf dem T8-Zettel. Und mit allen Schikanen der Zubehörliste kratzt der Testwagen mit 93.680 Euro schon gewaltig an der Grenze dessen, was man für ein Auto ausgeben will. Auch wenn es noch so hybrid ist.


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Jo Clahsen

„Jo“ lebt seit Jahrzehnten das Thema Auto. Dabei hat er nie die Fähigkeit zur Begeisterung verloren. Hauptsache, es geht voran. Auf der Rennstrecke, der kurvigen Landstraße, am Pass, auf der Autobahn. Am liebsten natürlich mit vielen Zylindern. Und entsprechendem Klang. Aber elektrisch findet er auch cool.