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Jo Clahsen

02.03.2018

Liebling, ich habe den F-Pace geschrumpft

Der F-Pace von Jaguar ist volles SUV-Kaliber. Der neue E-Pace gesellt sich in die Reihe der Kompakt-SUV, die derzeit aus allen Lagern purzeln. Also ist die Zielgruppe so definiert, dass es Empty Nester sein sollen oder Familien mit zwei kleinen Kindern, die suvtig unterwegs sein wollen.

Gut, vierunddreißig Zentimeter sind nicht die Welt. Aber sie machen den Unterschied zwischen zwei Welten des SUV-Universums aus. Der F-Pace, mit 4,73 Meter nicht ganz unstattlich, verpackt gut und auch gerne mal vier Erwachsene. Und auch ordentlich Gepäck bis 508 Liter zusätzlich zu den Personen. Das langt, um kommod unterwegs zu sein.

Sind 34 Zentimeter die Welt?

Der 34 Zentimeter kürzere E-Pace ist für die beiden Frontsitzer angenehm und luftig. Hinten allerdings sitzt man, gerade als groß Gewachsener doch recht beengt und muss Angst um die Frisur haben. Und wegen der Privacy-Verglasung und dem „Loch“ statt Heckfenster, eher gruftig, weil auch die Gürtellinie ziemlich stark ansteigt. Dafür bietet der E-Pace aber mit 577 Liter Kofferraum mehr als der F-Pace.

Das kommt der auch von den Marketing-Strategen auserkorenen Klientel der gut situierten Paare entgegen, die zusätzlich zu den Rücksitzen (gerne auch mit Sitzheizung) als Gepäckablage mehr als genug Stauraum haben. Für die Reise, das oder die Hobbys. Und für Großeinkäufe.

Alles schön jaguaren hier 

Was auffällt, wenn man einsteigt: alles so schön jaguarig hier. Das Cockpit verheißt Gediegenheit, die Nähte am Siena Tan Windsor Leder sind sehr ordentlich gefertigt, die Sitzposition SUV-typisch etwas erhöht. Dafür sind die Möbel in 16 Positionen variierbar, können gekühlt und beheizt werden. Und bieten jedem Pilot/ jeder Pilotin die geeignete Sitzposition. Einzig die Armaturentafel ist mit viel Hartplastik angereichert, was typisch untypisch für Jaguar ist.

Ingenium-Diesel mit 240 PS  

Auf Knopfdruck erwacht der Vierzylinder-Diesel mit 240 PS, grummelt sich auf Leerlaufdrehzahl runter, schnappt sich den ersten der neuen Gänge und macht den Eindruck als wolle er gleich volle Pulle ans Eingemachte. Erst mal ruhig, Yulong White Brauner. Wir müssen uns erst mal vorsichtig aus dem mit Baustellen umzingelten Parkplatz befreien, viele Kreisverkehre nehmen, bevor es auf halbwegs freie Landstraßen im Süden Frankreichs geht. Bis dahin hat sich die Box schnell und geschmeidig mit den neun Stufen beschäftigt, im Eco-Modus so geschwind die Stufen durchgeackert, dass der Verbrauch laut Display nur unwesentlich über den 6,2 Litern Durchschnitt liegt.

Mit den Dritten besser kein Sport-Modus

Dann nehmen wir uns mal den Wahlschalter vor, wechseln von Eco auf Komfort, so dass der Diesel spontaner anspricht und die Gänge etwas ergiebiger ausdreht. Passt. Auch das Fahrwerk arbeitet mit dem Vierradantrieb etwas spannender zusammen, lässt auf verrottetem Geläuf kleiner Straßen die Erinnerung an Kutschen aufkommen. Mit etwas Hüftschwung, aber ohne übles Aufschaukeln. Im Dynamic-Modus dann die Art von Transport, welche den ausgesuchten bzw. ausgedachten Käufern wohl eher nicht liegen wird. Kernig und lauter als in den anderen Fahrmodi. Wer schon mit den Dritten ausgestattet ist, nutzt das Tool E-Pace wohl eher als kompakten Gleiter, denn Bolzer. Aber: der E-Pace kann's.

Transpiration statt Transmission

Was Jaguar nicht ganz so glücklich hin bekommt, ist das Navigieren. Der 12,3-Zoll Monitor nimmt zwar Befehle schnell an, wenn man sich eine Weile mit der Logik befasst hat, er switscht auch schnell durch die Radiostationen, aber beim Navigieren hängt er sich immer wieder auf. Das bedeutet im Zweifelsfall ein paar Clicks auf dem Screen, um über gespeicherte Ziele oder Favoriten wieder ins Bild zu kommen.

Dringend geraten sei potenziellen Käufern zu Rückfahrüberwachung, was im Testwagen mit sehr ordentlicher Darstellung hilfreich war. Müsst man den Kompakten ohne diese technische Hilfe rangieren, könnte es zur massiver Transpiration kommen. Das Heckfenster, sofern man die Luke als solches bezeichnen will, taugt nichts. Die kleinen seitlichen Dreiecksfenster hinten und die abfallende Dachlinie tun ihr übriges, um Blindflug bis zum Knirschen zu fordern. Also bei der Konfiguration unbedingt Einparkhilfe und Rückfahrkamera ankreuzen, sonst ist Essig.

Ob es unbedingt die 20-Zoll Rädern sein müssen, die auf dem Testwagen montiert waren, ist eine Geschmacksfrage. Natürlich hat man am Stammtisch damit die Hoheit oder bestellt gar 21-Zoll-Schuhwerk. Aber brauchen tut man so große Treter eigentlich nicht.

Kurzum. Der E-Pace, der mit Lust und Laune den SUV gibt, sollte nur dann geordert werden, wenn die Kinder höchstens im Pubertier-Alter sind, dann passen sie hinten noch in die Sitze. Ansonsten sind die Diesel oder Benziner den Fährnissen normaler Straßen durchaus gewachsen und können sich, bei moderater Fortbewegung, auch mit wenig SUVigem zufriedengeben.  Wenn’s etwas sehr zackig um die Ecken gehen soll, rückt der Idealwert beim Verbrauch indes in sehr weite Ferne. Was wiederum auch dem stattlichen Gewicht von 1826 Kilo geschuldet ist. Zu zweit macht der E-Pace allerdings die meiste Laune.

Anfangen tut es bei knapp 40.000 Euro, aber es geht als E-Pace HSE, AWD mit 240 Dieselpferden dann auch schnell über die 62.000er Hürde. Nicht schlecht für'n Diesel.

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Jo Clahsen

„Jo“ lebt seit Jahrzehnten das Thema Auto. Dabei hat er nie die Fähigkeit zur Begeisterung verloren. Hauptsache, es geht voran. Auf der Rennstrecke, der kurvigen Landstraße, am Pass, auf der Autobahn. Am liebsten natürlich mit vielen Zylindern. Und entsprechendem Klang. Aber elektrisch findet er auch cool.