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Jo Clahsen

06.01.2018

Der Cousin

In der katalanischen Metropole Barcelona stand in der großen Politik unlängst eine Revolution an. Die ging ziemlich schief. Volvo, eher im Bereich üppiger Limousinen und genauso raumgreifender SUVs aktiv, stellt dort seine eigene Revolution vor: den Kleinen. Den XC40. Das ist nicht nur das erste Mal, dass Volvo – nach dem Limousinchen V40 – mit einem SUV in die Kompaktklasse vorstößt, sondern auch noch auf Basis einer anderen Plattform (CMA statt SPA). Und mit dem Anspruch, das obere Ende der Komfort-, Luxus- und Preisklasse zu erobern. Wie gut gelingt diese Revoution?

XC40: Komfort für den Urban Cowboy

Komfort passt. Wie Onkel und Tante (XC60/XC90) ist auch der Cousin XC40 mit viel Spaß am Unterwegssein ausgestattet. Ist auch kein Wunder, denn das Gros der Bauteile liegt bei Volvo/Geely ohnehin im Regal. Und so smooth sich der nordisch-kühle Klein-SUV durch Barcelonas Straßen hügelt, bergauf und bergab, bügelt er – selbst im Dynamic Modus – die Verwerfungen einfach weg. Im Komfort-Modus wird er gar zur Chill-out-Couch für gestresste Großstädter. Isolierung durch Dämmmaterial und Abkopplung vom eigentlich Fahrbetrieb durch Hochsitz und Weichwolle-Dämpfung. Genau da gehört der XC40 hin – in die Stadt. Klein und handlich – aber wenig übersichtlich, weshalb 360-Grad-Kamera zu empfehlen ist. Und hier kann er so unaufgeregt agieren, wie es den Urban Cowboys passt.

Luxus: Volvo as Volvo can be

Luxus gibt’s auch. Reichlich. Die verarbeiteten Materialien machen durchweg einen genüsslichen und sorgsam eingepassten Eindruck, Frontsitze sind comfy, im Fond reicht es auch für Große locker, das Touch & Feel ist rundweg gut. Bis hin zu den Innenseiten der Türgriffe, die glatt und hautschmeichlerisch gestaltet sind. Kleine Komfort-Features sind zum Beispiel ein Haken für Einkaufs- oder Damenhandtaschen, der sich aus dem Deckel des Handschuhfachs klappen lässt. In der Armlehne ist ein Abfallkörbchen integriert, das komplett entnommen und geleert werden kann. Im Kofferraum, der reichlich groß ist (460 Liter bis über 1.300 Liter), noch ein kleiner Zauberkasten aus Abdeckungen, die gedreht, gewendet und gefalzt werden können. Mit Platz für weitere Haken und Ösen. Also: Volvo as Volvo can be. Die Armada an Assistenten ist umfangreich und erweiterbar, bis hin zum induktiven Handyladen und zur Querverkehrserkennung beim Ausparken. Passt prima für die Stadt. Ob man das Autonom-Paket braucht, ist fraglich. Vielleicht macht es auf langen Autobahnpassagen Sinn.

Volvo mit Flat-Rate

Auch komfortabel ist das Care by Volvo-Paket. Für eine Art Flatrate gibt es fast alles rund ums Auto, was Werkstatt, Versicherung, Ratenzahlung, Tankstelle, Reparatur uvm. umfasst. Plus die Option, sich Online-Bestellungen vom Paketdienst direkt in den Kofferraum liefern zu lassen. Teil dieses Pakets ist auch ein familiäres Share-System, das via App und über digitale Schlüsseltechnik funktioniert. Wenn etwa Schwesterherz ihren XC40 vor dem Kaufhaus abstellt, um zu shoppen, kann das dauern. Brüderchen kann, weil zufällig in der Nähe, via Handy die Nutzung währenddessen anmelden, bekommt sie bestätigt. Ein Griff an den Heckklappenverschluss, schon ist der XC40 wach und ready to go. Ohne separaten Schlüssel.

Als Premium teuer: rund 45.000 Euro

Beim Preis hält sich Volvo indes auch nicht zurück: Rund 45.000 Euro sind wahrhaft kein Kollateralschaden. Zumindest so lange nicht, bis die weniger üppig ausgestatteten 3-Zylinder im März 2018 kommen, mit Handschaltung und ohne viel Extra-Features. Da stehen dann knapp 30 Tausender zu Gebot, um bei den Kompakten einen auf X zu machen, auch wenn es nur ein Zweiradantrieb ist. Das ist immer noch ordentlich viel Geld. Aber immerhin bezahlbar.

Jedenfalls ist der XC40 mit Topbenziner und im R-Design ein sehr schick gestaltetes Teil, das die edle Anmutung eines XC60 locker in die kleine Klasse überträgt. Hinzu kommt, wie es offenbar markenübergreifend Usus ist, dass mehr Farben und Kombinationen von Zweifarbigkeit sein müssen. Ist chic, aber irgendwie auch ein bisschen gaga, wenn es alle machen. Das SUV wird Lifestyler und mehr Sub Urban Vehicle, denn Sport Utility Vehicle. 

Trotzdem: Alles ist am gewohnten Platz, das Entertainment etwas abgespeckt, aber für Tablet-Nutzer ein Home-Run. Es geht auch ein bisschen was, wenn es schneller gehen soll. Aber bitte mit Vorsicht. Denn, die Masse schiebt, auch bei 4x4-Antrieb. Und nach einem Bremsmanöver verschluckt sich die Achtgang-Automatik gerne mal, dann muss das Paddel am Lenkrad kurz gezogen werden.

Lycka till XC40

Bleibt unterm Strich: Alle machen SUV für die Kompaktklasse. Und Volvo macht mit. Wer den Erstling wirklich als Premium-Kompakt-SUV haben will, muss ordentlich latzen. Wem es jedoch nicht so sehr auf Premium, sondern auf Volvo-Design, auf Hochsitz und Hygge  – ich weiß, das ist Dänisch und nicht Schwedisch – ankommt, dem wird der XC40 ein guter Freund sein, im urbanen Alltag. Auf Landstraßen. Nur nicht auf der Autobahn, da tut sich der Benziner ein wenig schwer. Und säuft. Die Verwandten XC60 und XC90 sind schon länger etabliert, der Cousin XC40 muss sich seine Sporen erst noch verdienen. Lycka till, kleiner Schwede. Und keinen Rohrkrepierer wie bei den Katalanen.


 

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Jo Clahsen

„Jo“ lebt seit Jahrzehnten das Thema Auto. Dabei hat er nie die Fähigkeit zur Begeisterung verloren. Hauptsache, es geht voran. Auf der Rennstrecke, der kurvigen Landstraße, am Pass, auf der Autobahn. Am liebsten natürlich mit vielen Zylindern. Und entsprechendem Klang. Aber elektrisch findet er auch cool.