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Jo Clahsen

16.09.2017

EILIGE MESSE

Der Trott der letzten Jahre kommt ins Straucheln bei der IAA. Kein, oder zumindest kaum, Business as usual, sondern weniger Aussteller aus dem Vierrad-Business. Dafür mehr ITler, Start-ups und die Größen aus dem Internet wie Facebook, Google, Qualcomm und SAP. Eilige Digital-Messe? 

Hinter vorgehaltener Hand wird oft der Name Tesla in den Mund genommen. Dabei sind die Amerikaner gar nicht auf der Messe. Aber sie gelten wohl firmenintern als Messlatte. Oder wie es heute heißt, als Benchmark. Da hat die eigenwillige Art der PR-Codierung durch Firmeneigner Elon Musk wohl ganz schön für Verunsicherung gesorgt. 

Me convention und TED auf der IAA

Theoretisch müssten sich die Aussteller nicht mit einer Firma messen, die erst so kurz am Markt ist und ihre Seriosität erst unter Beweis stellen muss. Tun sie aber. Mercedes hat sich mit der me.convention ein Tool gebaut, das dem digitalen Lifestyle und dem Content Marketing Tür und Tor öffnet. Und stellt mit dem Project One eine Kanone auf die Bühne, die – nach Bugatti – als zweite ultimative Rennmaschine die 1000-PS-Grenze knackt. Andererseits steht ein schnuckelig-kugeliges Ding von smart da, das ohne Lenkrad auskommt und den User autonom zu Hause abholen soll. Brachial meets digital.

Vordenker, Visionäre und Premium-SUV

Bei BMW sieht es ähnlich aus. Mit TED (Technology, Entertainment, Design), einer Plattform, die damit wirbt, dass sie Ideen aufzeigt, die sich zu verbreiten lohnen, hat BMW ein erstes Hightlight bereits vor der Messe gesetzt. Vordenker, Visionäre und Kreative lassen am Vorabend weit in die Zukunft blicken. Am Stand dann, unter vielen anderen Modellen und Concepts wie dem neuen Z4, ein sogenannter Premium-SUV. Auch als Concept-Car. Mit Hybrid-Antrieb. Name: X7. Größe: Schrankwand mit 5,30 Meter Länge und 2,20 Breite. Gewicht: Sicher nicht unter 2,5 Tonnen. Da fragt man sich, ob man mit einem alten 3er Führerschein überhaupt noch so  ein Ding fahren darf. Und, by the way, zu Beginn sind natürlich 6- und 8-Zylinder für den Vortrieb eingeplant.

Das Who’s who der IT-Industrie in Halle 3.1

Bei VW – und den Hausmarken Porsche, Seat, Audi. Lamborghini, Ducati – sitzt die Zukunft eine Etage höher. In der Halle 3.1 wird die Mobilität von morgen in Szene gesetzt. Große Namen stehen auf dem Zettel, wie das Who’s who der IT-Industrie. Aber eben auch die vielen, kleinen Ideenschmieden, die der Mobilität die Weichen stellen wollen. Wie es etwa Günther Schuh in Form des StreetScooter zusammen mit DHL und als eGo in Eigenregie praktiziert hat. Und ganz kleine Start.-ups aus dem Universitäts-Betrieb. Unten stehen auch ein paar Elektro-Mobile, die aber noch eine gewisse Reifezeit von zwei bis drei Jahren benötigen. Und Audi spielt mit AIcon den Wellenreiter, denn AI steht für künstliche Intelligenz.

Die Frage sei erlaubt: Wie passt das alles zusammen?

Hier die Power-Bolzen (oder wie Jürgen Pander in Siegel online titelt: Die Protz-Brocken), da die kleinen Stromer, die ein jeder Hersteller unauffällig  in der Ecke stehen hat. Und mittenmang natürlich auch automobile Schonkost, die weder ultimativ vernetzt ist, noch mehr als 500 PS aufzuweisen hat. Und drittens: VR. Allüberall sieht man virtuelle Realität in Form von Menschen, die sich verbiegen oder in die Kurve legen, obschon sie relativ fest auf einem Schemel sitzen. Die Realität spielt im Kopf, während die VR Brille die reale Realität ausblendet.

Virtual Reality versus Realität

Dabei gäbe es genügend Gründe, eben diese Realität in den Fokus zu stellen. Und sich diesem Fokus auch zu stellen. Stattdessen sind Heerscharen von Wischern und Wedlern unterwegs, die den ausgestellten Karossen mit Hightech-Tüchern und Staubwedeln zu Leibe rücken. Will sagen: Bloß kein Stäubchen auf dem heiligen Blech. Wir wollen möglichst propper nach außen wirken. Und draußen kübelt der Regen und tobt ein Herbststurm. Vielleicht doch zu viel Wind gemacht?

Hightech für Käufer ohne Affinität?

Also gut. Die IAA ist als Dinosaurier der halbnackten und high beheelten Frauen wohl eher ein Auslaufmodell. Wie sich zeigt, verschiebt sich der Brennpunkt immer weiter in Richtung Digitalisierung. Denn, was heute im neuen A8 an Hightech eingesetzt wird, dürfte die potenziellen Käufer maßlos überfordern. Wegen fehlender Affinität zum Thema. Wird diese Technik in die unteren Baureihen durchgereicht, kommt sie den möglichen Usern näher, die sich mit all diesen Tricks und Gadgets bestens auskennen. Nur was wird sein, wenn die Jungen kein Auto mehr haben wollen?

Transformation als Lösung?

Fakt ist; Es geht wohl nicht mehr lange nur noch um PS, Premium und Protz. Es bedarf offensichtlich eines neuen Weges hin zur Mobilität. Oder, wie es in Neusprech heißt: einer Transformation. Dass dabei auch weiter Verbrennungsmotoren zum Einsatz kommen werden, ist notwendig. Auch Diesel müssen sein. Auf lange Sicht allerdings hilft uns der Verbrenner nicht mehr weiter. Da muss die Mischung stimmen. Und die Infrastruktur, die Optionen bietet für alle Formen der Nutzung.

Denn niemand hat die Power, heute den Schalter umzulegen und eine E-Mobility-World auszurufen. Aber daran arbeiten, dass es flexibler wird, umweltfreundlicher und trotzdem spaßig und freudig, das müssen wir alle gemeinsam. Ohne Vorbehalte. Sondern mit Mut und Augenmaß.

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Jo Clahsen

„Jo“ lebt seit Jahrzehnten das Thema Auto. Dabei hat er nie die Fähigkeit zur Begeisterung verloren. Hauptsache, es geht voran. Auf der Rennstrecke, der kurvigen Landstraße, am Pass, auf der Autobahn. Am liebsten natürlich mit vielen Zylindern. Und entsprechendem Klang. Aber elektrisch findet er auch cool.